Die jungen Linken laufen den alten weißen Männern nach

Der Traum von der Diversität des politischen Personals wird vermutlich noch lange ein Traum bleiben.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

Einer der ständig wiederkehrenden Kritikpunkte an der überkommenen Politik vor allem in Europa, aber auch in den USA richtet sich gegen das Beharrungsvermögen der immer gleichen Art von Leuten, die sich an den Spitzen von Parteien und Wahlbewegungen halten. "Alte weiße Männer", so heißt es rundum immer wieder, sitzen an den Hebeln der Macht und lassen nicht los.

Man wünscht sich allenthalben andere Typen, andere Gesichter, womöglich auch andere Hautfarbe. Also: Jung, weiblich, Migrationshintergrund - ist das die Zauberformel, mit der man heute Wählerinnen und Wähler vor allem auf der linken Seite des politischen Spektrums anziehen könnte?

Nun, wenn wir die jüngsten Wahlen genau betrachten, dann haben vor allem junge Wähler mit einer Neigung nach links genau das gewählt, was die Politologen und Beobachter immer wieder so treffend kritisieren: weiße alte Männer.

Man schaue nur in die USA. Dort liefen die jungen Linken während der Vorwahlen bei den Demokraten dem alten Weißen (und weißhaarigen) Bernie Sanders so beharrlich nach, dass sie Anfang November einfach nicht mehr die Kraft hatten, sich dem alten weißen Mann (mit orangen Haaren) Donald Trump entgegenzustemmen.

In Frankreich versammelte sich ein Gutteil der jungen Linken hinter Jean-Luc Mélenchon, mit 66 Jahren auch keine Jugendhoffnung mehr. Und in Großbritannien schaffte es der an sich recht wortkarge weiße alte Mann Jeremy Corbyn, ausgerechnet jene linken jungen Wähler zu begeistern, die ansonsten eine geradezu erfreuliche soziale Durchmischung aufweisen. Wer die Wahlnacht im englischen Fernsehen verfolgte, der konnte sehen, wie bunt die Vertreter der Labour-Partei sich darstellen. Da zeigte sich indische, afrikanische, karibische Herkunft - einzig an den Interviews wurde erkennbar, dass all diese Politiker irgendwo in Großbritannien aufgewachsen sind: Am Akzent war zu erkennen, wer aus Newcastle, wer aus Birmingham, wer aus Cornwall stammt. Aber der Chef ist alt, weiß, männlich.

Freilich gibt es Ausnahmen. Justin Trudeau und Emmanuel Macron sind keineswegs alt, aber sie erfüllen doch die beiden anderen Merkmale: weiß und männlich. Und beide haben nicht so sehr im Lager der jungen Linken gefischt, sondern ganz einfach bei den Jungen, gleich welcher politischen Ausrichtung, ob bürgerlich oder links.

Es reicht ganz offensichtlich nicht, von Politikern und vor allem von führenden Politikern Diversität einzufordern. Man müsste sich als eine junge und auch linke Bewegung dann halt auch bemühen, solche Kandidatinnen und Kandidaten aufzustellen und zu unterstützen, die sich deutlich von der Schablone "weiß, alt, männlich" abheben.

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