Die Nachricht vom bevorstehenden Untergang der Welt ist deutlich verfrüht

So mancher, der Nachrichten liest und hört und in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, wird von Angst gepackt. Dabei ist die Welt sicherer als je zuvor.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

Viele Menschen sind heutzutage von Sorgen geplagt. Wer immer sich für die Vorgänge in der Welt interessiert, sich informiert, der findet meist viel Grund zum Pessimismus: Bürgerkriege, Flüchtlingswellen, Terroranschläge, Erdbeben, Amokläufe, Gewalt in U-Bahnhöfen, Grippewelle, Zika-Virus. Verschlechterung des politischen Klimas zwischen großen Mächten - USA gegen China einerseits wegen der chinesischen Gebietsansprüche im Chinesischen Meer; Russland gegen die USA und die EU andererseits, wegen des Konflikts um Krim und Ukraine; Einflussversuche Moskaus auf den politischen Diskurs, ja sogar auf Ergebnisse von Wahlen in Europa und Amerika; Syrien als Schauplatz eines neuen Stellvertreterkrieges mit Russland und dem Iran auf der einen Seite, sunnitische Regierungen und die Türkei auf der anderen. Wirtschaftliche Stagnation rundum, Nullzinsen, schleichende Entwertung von Sparguthaben und Vermögen.

Und immer wieder hört man den sehnsüchtigen Seufzer des Inhalts, dass doch früher alles besser gewesen sei, keine Flüchtlinge, kein Terror, keine Gewalt, die das öffentliche Leben gestört hätte - und die Naturkatastrophen der Vergangenheit hat man auch schon längst vergessen.

Diese negative Grundstimmung ist rundum verbreitet, sie beeinflusst nicht nur das Lebensgefühl der Menschen, sondern auch ihre Entscheidungen für die Zukunft. Wer Angst hat, geht nicht nur kein ökonomisches Risiko ein, er verweigert sich überhaupt möglichem Fortschritt, weil Fortschritt den Optimismus als Grundlage braucht.

Was der besorgte Bürger übersieht, ist eine fundamentale Tatsache: Es ging der Welt noch nie so gut wie heute und die Welt war kaum je so sicher wie heute.

Diese Behauptung mag angesichts der ständigen Berichte über Terror, Mord und Totschlag, über einen russischen Präsidenten, der mehr Diktator ist als "lupenreiner Demokrat" (© Gerhard Schröder), über einen neuen US-Präsidenten, der mehr Rassist, Frauenverachter und Großmaul ist als ein Führer der freien Welt, recht gewagt wirken. Und doch lässt sich der Befund beweisen, und das ganz einfach mithilfe von statistischen Fakten.

Ein junger deutscher Wissenschafter namens Max Roser betreibt eine wissenschaftlich fundierte Website mit dem Titel "Our World in Data" ("Unsere Welt in Daten"), auf der dank mehr als 500 Datensätzen mit Grafiken und erklärenden Texten ersichtlich ist, wie sich das Leben der Menschen über die letzten Generationen hin verbessert hat. Die extreme Armut nimmt täglich ab, Krankheiten, die noch für unsere Elterngeneration lebensbedrohlich waren, sind heute heilbar oder wenigstens kontrollierbar.

Wer glaubt, die Gefahr, durch einen Terroranschlag verletzt zu werden oder ums Leben zu kommen, sei nur in unserer Gegenwart besonders groß, der vergisst, wie lange politisch motivierte Mörder, Entführer und Bombenbastler ganze europäische Länder in Angst und Schrecken versetzten: die RAF Deutschland, die Roten Brigaden Italien, die Action Directe Frankreich, die katholische IRA und diverse protestantische Banden Nordirland und ganz Großbritannien, die ETA und die GRAPO Spanien. Ganz zu schweigen von der Bedrohung durch den Kalten Krieg, in dem die beiden Machtblöcke die Fähigkeit hatten, nicht nur einander, sondern die ganze Weltbevölkerung gleich tausendfach auszulöschen.

Die tief wurzelnde Sorge vor dem Verlust von Wohlstand durch wirtschaftliche Krisen und durch die Notwendigkeit, eine große Zahl von Flüchtlingen zu versorgen, ist durchaus nicht unberechtigt. Aber ihr kommt niemand bei, indem er sich vor ökonomischer Unsicherheit, vor den Asylbewerbern, den Moslems und anderen Herausforderungen fürchtet. Diese Angst spielt nur jenen Panikmachern in die Hände, die mangels eigener Konzepte Ängste schüren müssen, um auf diese Weise Regierungsämter und Macht erlangen zu können.

Niemand kann leugnen, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Aber die demokratisch verfassten Gesellschaften haben schon in der Vergangenheit bewiesen, dass sie fähig sind, Probleme zu bewältigen, Schwierigkeiten zu überwinden und mit Tatkraft und Engagement Schritt um Schritt die Lebensbedingungen für alle und jeden zu verbessern. Darin liegt die Chance auf Prosperität und ein Ende von Krisen.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 06:51 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/die-nachricht-vom-bevorstehenden-untergang-der-welt-ist-deutlich-verfrueht-526120

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