Vom Wundern und wunderbaren Überraschungen

Das Jahr 2016 hat uns alle öfter überrascht, als uns guttut. Da die Hoffnung nie stirbt, blicken wir zuversichtlich auf 2017.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

"Stets findet Überraschung statt, da, wo man's nicht erwartet hat." Wilhelm Busch hat mit unnachahmlicher Klarheit diagnostiziert, worin das Wesen der Überraschung liegt - im Unerwarteten. Man hat es nicht kommen sehen, deshalb war die halbe Welt so sehr geschockt nach der Abstimmung der Briten über den Austritt aus der Europäischen Union. Deshalb verfiel ein großer Teil der liberalen Menschen dies- und jenseits des Atlantiks in eine Art Schockstarre, als sie am 9. November gleich nach dem Aufwachen erfuhren, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen soll.

So betrachtet ist es auch durchaus verständlich, weshalb eine andere Wahl dann doch nicht so ausgegangen ist, wie es sich der eine Kandidat gewünscht hat - jener nämlich, der irgendwann im Laufe des Wahlkampfs tönte: "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist." Norbert Hofer hatte damit vermutlich andeuten wollen, dass er als Überraschungssieger bei der Bundespräsidentenwahl gleich nach der Angelobung die Grenzen jener Bestimmungen ausloten werde, die den Rahmen für die Tätigkeit des Bundespräsidenten abstecken.

Dann waren Hofer und seine En tourage nur scheinheilig überrascht, als sich herausstellte, wie schlampig in manchen Wahllokalen und in manchen Bezirkswahlbehörden die Briefwahlstimmen ausgezählt worden waren. Immerhin haben ja ausgerechnet etliche von der FPÖ bestellte Wahlbeisitzer bestätigt, dass sie selbst an diesen Schlampereien beteiligt waren.

Nach der ein Mal verschobenen Wiederholung der Stichwahl war dann wieder alles im normalen Bereich. Es wunderten sich jene (FPÖ-Politiker), die einen anderen Wahlausgang erwartet hatten. Und zu ihrer Überraschung hatte sich der Vorsprung des Kandidaten Van der Bellen vor dem Kandidaten Hofer nicht verringert, sondern im Vergleich zum ersten Versuch der Stichwahl nahezu verzehnfacht.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass bei den diversen Wahlen, die im noch sehr jungen Jahr 2017 anstehen, nicht wieder so fürchterliche Überraschungen stattfinden wie im alten Jahr. Aber vielleicht hilft es ja, wenn wir mit einem Sieg der rechtsnationalistischen, vom russischen Präsidenten Putin finanzierten Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl rechnen - denn wenn sie es dann doch nicht wird, sind wir zwar überrascht, aber durchaus freudig. Und dann erwarten wir noch eine kräftige Ohrfeige für die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die vereinten Bemühungen der unseligen AfD und des eigenartigen CSU-Chefs Horst Seehofer. Denn wenn wir das erwarten, dann - Wilhelm Busch, schau oba! - findet doch die Überraschung statt, dass es nicht so kommt. Jedenfalls würde es mich nicht wundern, hätten wir ein besonders spannendes politisches Jahr vor uns.

Aufgerufen am 12.12.2017 um 03:32 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/vom-wundern-und-wunderbaren-ueberraschungen-565192

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