Ist das die Rückkehr des "hässlichen Amerikaners"?

Ein Buch aus den 60er-Jahren beschrieb amerikanische Arroganz, wie wir sie heutewieder erleben.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

Es hat das Amerika-Bild einer ganzen Genera tion von jungen Europäern geprägt, die wachsende Verstrickung in den Vietnamkrieg vorweggenommen und den damaligen Senator John F. Kennedy so sehr beeindruckt, dass er hundert Exemplare kaufen und an alle US-Senatoren als Lektüre verschicken ließ: Eugene Burdick und William Lederer beschreiben in dem Buch "The Ugly American", wie überheblich, besserwisserisch, arrogant und unsensibel damals US-Bürger in Asien auftraten.

Das Buch war ein Bestseller in den USA und verkaufte sich auch in Europa gut - und es ist immer noch erhältlich. Es beschreibt den Zwiespalt, dem ein Nichtamerikaner ausgesetzt war, wenn er Menschen in den USA kennenlernte, gebildet, eloquent, gastfreundlich und höflich, und gleich danach erlebte, wie andere Amerikaner sich außerhalb ihres Landes in ihrer Rolle als Übermenschen, als Besserwisser benehmen wie die Axt im Walde.

Es ist Zeit, das Buch wieder herauszukramen. Denn es sieht ganz so aus, als enthielte es eine ziemlich treffende Beschreibung wenigstens eines Amerikaners, der noch dazu ganz oben steht in der Kommandokette der einzig verbliebenen Supermacht. Manche Beobachter haben in jüngster Zeit gefordert, man möge Donald Trump doch ein wenig Zeit geben zu zeigen, was wirklich in ihm steckt, was er wirklich kann, was er wirklich vorhat. Da für all diese Dinge nicht bloß Dekrete nötig sind, sondern Gesetze, die der Kongress zu beschließen hat, wird es Trump schwerfallen, seine Lieblingsprojekte umzusetzen: die Mauer an der mexikanischen Grenze, die Wiedereinführung der Folter, die Strafzölle auf Autos, die in Mexiko gebaut wurden (ganz nebenbei: damit würde er in der US-Autozulieferindustrie Zigtausende Arbeitsplätze vernichten). Diese Warnungen kommen nicht von den Demokraten, sondern aus der Republikanischen Partei.

Bei John F. Kennedy machte Burdicks und Lederers Buch so viel Eindruck, dass er als Präsident daranging, die Amerikaner aus dieser Arroganz aufzurütteln. Er gründete das Peace Corps, dessen Aufgabe es unter anderem war und ist, im Ausland das Verständnis für amerikanische Kultur und in Amerika das Verständnis für fremde Kulturen zu wecken. Lyndon Johnson benutzte das Wort vom "hässlichen Amerikaner" als abschreckendes, negatives Beispiel in der "Great Society"-Rede. Danach fand es endgültig Eingang in die Wörterbücher.

Vorerst wirkt Donald Trump ganz so wie der Protagonist in dem Buch: Er schert sich nicht um andere, tritt mit einem gehörigen Maß an Arroganz und Herablassung auf und tut so, als wären alle Nichtamerikaner und alle Nicht-Trump-Anhänger Menschen minderer Qualität. Vielleicht sollte jemand in Washington das Buch kaufen und dem Präsidenten aufs Nachtkasterl legen. Man sollte ja nicht ausschließen, dass auch ein 70-Jähriger noch lernfähig ist.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 11:15 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/ist-das-die-rueckkehr-des-haesslichen-amerikaners-484633

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