Schauspieler

Karl Merkatz gestorben: Er war viel mehr als der Mundl und der Bockerer

Nur wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag ist der große österreichische Volksschauspieler Karl Merkatz am Sonntagfrüh in seinem Haus in Irrsdorf im Flachgau verstorben. Das gab seine Familie bekannt. Den Österreichern hat er sich als Fleischhauer Karl Bockerer in Franz Antels Filmen und als grantelnder Edmund "Mundl" Sackbauer in Reinhard Schwabenitzkys TV-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" eingeprägt: zwei raue, aber herzliche Proletarier.

Eine Kultfigur zu verkörpern, das reicht eigentlich für ein ganzes Schauspielerleben. Karl Merkatz gelang dieses Kunststück gleich zwei Mal. Innerhalb von wenigen Jahren formte der Schauspieler Ikonen des Wiener Grants, die bei allen Unterschieden eines verbindet: Erregung als Treibstoff für die wehrhaften Handlungen des sogenannten kleinen Mannes.

Karl Merkatz und seine Frau Martha in ihrem Haus in Irrsdorf. Die beiden heirateten im Jahr 1956.  SN/robert ratzer
Karl Merkatz und seine Frau Martha in ihrem Haus in Irrsdorf. Die beiden heirateten im Jahr 1956.

Als erste dieser Figuren betritt Edmund Sackbauer die Fernsehlandschaft. 1975 erscheint der Elektriker und Patriarch auf den Bildschirmen und schlägt ein wie eine Bombe. Ernst Hinterbergers TV-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" polarisiert, weil sich da ein Vertreter der Arbeiterschicht nicht wegduckt, sondern seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

In einer alles andere als jugendfreien Sprache erregt sich der Kleingeist über die Mühen des Alltags, über alles Fremde und Unbekannte. In der Kreisky-Ära löst die Fülle an Schimpfworten, Flüchen, Drohungen und Beleidigungen, die aus dem Fernseher tönte, Irritationen aus: Skandal! Der legendäre Satz "Mei Bier is' net deppert" zählt zu den harmlosesten aus Mundls Mund.

Dabei spricht aus den Attacken nur die Hilflosigkeit, die der bierselige Hobby-Gewichtheber mit dem Eindringen anderer Gesellschaftsschichten in den Kosmos seiner Familie empfindet: Die bürgerlichen Eltern seiner Schwiegertochter Hanni sowie Schwiegersohn "Nudelaug" Franzi, ein intellektueller Handke-Doppelgänger, führen Mundl seine niedrige gesellschaftliche Stellung und seine Bildungsferne vor Augen. Dass der Antiheld auch eine weiche Seite hat, entlockt das schattierungsreiche Spiel von Karl Merkatz immer wieder. Jedenfalls kreiert er eine Kultfigur des Unangepassten und eine Blaupause für jene "g'scherten Weaner, die später den "Kaisermühlen Blues" oder die Serie "Trautmann" prägen.

Es folgt Karl Bockerer

Im Jahr 1981 folgt Karl Bockerer. Auch dem Fleischhauer im Wien der NS-Zeit in Franz Antels Verfilmung eines Bühnenstücks verleiht Karl Merkatz markante Gestalt. Bockerer wird zum Wutbürger, nachdem sein jüdischer Tarockpartner Rosenblatt ("Ihr Blatt, Herr Rosenblatt!") vor dem NS-Terror aus Wien flüchten muss, ein kommunistisch gesinnter Freund in Dachau ermordet wird und sein Sohn in Stalingrad fällt. Auch hier leistet der kleine Mann aus dem Gefühl der Hilflosigkeit Widerstand - diesmal gegen die Weltenläufe, die den hemdsärmeligen Wiener auch in "Bockerer"-Fortsetzungen verfolgen werden: Ungarn-Krise und Prager Frühling. Mit dem "Blunzenkönig" verkörpert Karl Merkatz 2015 einen weiteren Grantler von Format.

Karl Merkatz und "Jedermann"

Die Bildschirm- und Leinwandpräsenz überdeckt das reichhaltige Bühnenschaffen von Karl Merkatz. Der gelernte Tischler studiert Schauspiel am Mozarteum und wird 1958 am Salzburger Landestheater verpflichtet. "Die Gestaltung der Rolle hatte eine Tiefe, wie sie nur einem großen Schauspieler eignet", heißt es in den "Salzburger Nachrichten" 1963 über Merkatz als Nestroy-Figur Blasius Rohr.

"Jedermann" und dessen Schöpfer werden den Schauspieler auch bei späteren Gastspielen in Salzburg begleiten. Zunächst erregt Karl Merkatz im Festspielsommer 1974 Aufsehen, als er in einer zeitgenössischen "Jedefrau"-Produktion der "Szene der Jugend" im Traklhaus-Hof als Tod auf einer "Maschin'" vorfährt - zeitgleich mit dem "Jedermann" am Domplatz. "Die Salzburger Festspiele waren erzürnt und haben uns das verboten", erinnert er sich in einem SN-Interview. Drei Jahrzehnte später steht Merkatz selbst am Domplatz und verkörpert Gott und Armen Nachbarn im "Jedermann". Ein weiteres Festspiel-Engagement ebnet dem Schauspieler den Weg ins Wiener Burgtheater: 2005 feiert er dort in der Kušej-Inszenierung von "König Ottokars Glück und Ende" sein spätes Debüt.

Ein Blick auf das facettenreiche Schaffen des Publikumslieblings bestätigt, was er selbst oft genug bekräftigt hat: "Ich bin ja nicht dieser Mundl." Am Sonntag ist Karl Merkatz im Alter von 92 Jahren gestorben.

Von Wiener Neustadt über Zürich nach Salzburg - ein Lebenslauf

Geboren wurde Karl Merkatz am 17. November 1930 als Sohn eines Werkzeugmachers und einer Weberin in Wiener Neustadt. Schon als Kind war er vom Theater fasziniert und spielte in einer Laiengruppe, doch auf Wunsch seiner Eltern, "ein richtiges Handwerk" zu erlernen, machte er zunächst eine Tischlerlehre. Danach ging er nach Zürich und verfolgte von dort sein Ziel, Schauspieler zu werden. Nach Schauspielunterricht unter anderem in Wien begann er ein Studium am Mozarteum in Salzburg, das er 1955 mit Auszeichnung abschloss.

Seine ersten Bühnenengagements hatte Merkatz am Kleinen Theater in Heilbronn und am Salzburger Landestheater. In Heilbronn lernte er auch seine Frau Martha Metz kennen, mit der er seit 1956 verheiratet war. Danach ging er für einige Jahre nach Deutschland, wo er an den Städtischen Bühnen Nürnberg, an den Bühnen der Stadt Köln, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Thalia Theater und den Münchner Kammerspielen arbeitete. Eines seiner Lieblingsstücke war Samuel Becketts "Warten auf Godot".

Merkatz wirkte auch in Operetten mit und gastierte in Hamburg ebenso wie an der Niederländischen Oper Antwerpen. 1993 spielte er erstmals in einer Musicalrolle am Stadttheater Klagenfurt als "Der Mann von La Mancha" und später am Theater an der Wien als Milchmann Tevje in "Anatevka". 2009 gab er seinen Abschied von der Theaterbühne bekannt - sein großer Wunsch, einmal den "König Lear" zu spielen, ging nicht in Erfüllung. Nachdem er ab 2008 erfolgreich sein Kabarettprogramm "Der Blunzenkönig" auf die Bühne brachte, kam das Stück 2015 mit Merkatz in der Hauptrolle auch in die heimischen Kinos.

 Als „Mundl“ Sackbauer in „Ein echter Wiener geht nicht unter“: Karl Merkatz mit Ingrid Burkhard.  SN/orf
Als „Mundl“ Sackbauer in „Ein echter Wiener geht nicht unter“: Karl Merkatz mit Ingrid Burkhard.

Für "Anfang 80" schließlich erhielt er 2013 unter anderem den Österreichischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Aber auch von offizieller Seite gab es zahlreiche Ehrungen, etwa das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, die Goldene Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien oder 2002 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich. Außerdem wurde er 2021 noch zum Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Straßwalchen ernannt. Bereits mehr als 50 Jahre ist es her, dass Merkatz mit seiner Familie den Straßwalchener Ortsteil Irrsdorf als seinen neuen Wohnort auserkor. "Ich war damals jahrelang an deutschen Theatern in Hamburg, Köln oder Heilbronn engagiert. Ich wollte zurück in die Heimat und für mich und meine Familie einen Platz zum Leben finden", sagte Merkatz damals im Interview mit den "Salzburger Nachrichten".

"So bin ich", heißt seine 2005 erschienene Autobiografie (Styria Verlag), "Ein Schamerl braucht vier Haxen" war der Titel seiner 2015 von Christoph Frühwirth aufgezeichneten Erinnerungen (Amalthea Verlag). In einem Ö1-"Hörbild" sagte Merkatz einmal: "Das Wort ,Karriere' existiert in meinem Wortschatz nicht. Mir ist es immer darum gegangen, zu arbeiten, Menschen zu unterhalten, ihnen, so gut es geht, eine Freude zu bereiten. Manchmal ist mir das, so hoffe ich, gelungen."

Reaktionen im Netz: "Das Liebenswerte hinter ruppigen Oberflächen"

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) würdigte nach der Nachricht über den Tod des Schauspielers Karl Merkatz seine Leistungen für die Kulturwelt Österreichs auf Twitter. Merkatz habe als "Mundl Sackbauer Film- & Fernsehgeschichte geschrieben". Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) schrieb am Sonntag: "Mit Karl Merkatz verliert Österreich einen wahren Volksschauspieler. Niemand hat mit so viel Liebe zu den Menschen das Sympathische und Liebenswerte hinter manchmal ruppigen Oberflächen gefunden und zum Leuchten gebracht." Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen ehrte Merkatz zum Ableben als "großen Charakterdarsteller": "Darüber hinaus war Karl Merkatz ein unglaublich emphatischer und engagierter Mensch. Er trug das Herz am rechten Fleck."

Auch Salzburgs Landeshauptmann kondolierte am Sonntag in einer Aussendung: "Mit großer Trauer habe ich heute vom Ableben von Karl Merkatz erfahren. Egal ob als Edmund 'Mundl' Sackbauer, Karl Bockerer oder auch in seinen unzähligen Theaterrollen setzte er sich ein nachhaltiges Denkmal als Publikumsliebling und österreichische Schauspiellegende."

Auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner gedachte des verstorbenen Schauspielers in den sozialen Medien: "Karl Merkatz bleibt unvergessen." Ihr Parteikollege und Bürgermeister Wiens Michael Ludwig schrieb: Sonntagmittag auf Twitter: "Der Tod des großen Volksschauspielers Karl Merkatz ist ein unersetzlicher Verlust für das heimische Kulturleben. Mit dem Charakter "Mundl" revolutioniert er das heimische Fernsehen."

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