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Das "zweite Gehirn" liegt im Darm

Darmbeschwerden sind in der modernen Gesellschaft längst keine Seltenheit mehr. Die Ernährung spielt dabei eine Schlüssel-, aber nicht die einzige Rolle. Es lässt sich einiges unternehmen, um zur Gesundheit des Darms beizutragen.

Darmprobleme haben weit reichende Auswirkungen auf den ganzen Körper. SN/ag visuell - stock.adobe.com
Darmprobleme haben weit reichende Auswirkungen auf den ganzen Körper.

Mal rumort es heftig, mal fühlt man sich aufgebläht: Probleme mit dem Darm sind ein typisches Phänomen der heutigen Zeit und haben weitreichende Folgen für den ganzen Körper. Experten schätzen, dass in Industriestaaten etwa zehn bis zwanzig Prozent unter regelmäßigen Darmbeschwerden leiden. Christian Datz leitet die Innere Medizin des Krankenhauses in Oberndorf. Als Experte in puncto Darmgesundheit kann er sowohl die Bedeutung des Darms für den Körper erklären als auch auf Ursachen hinweisen, die ihn reizen und schwächen.

SN: Welche Rolle spielt der Darm für den gesamten Körper?
Christian Datz: Er ist wichtig für die gesamte Nahrungsaufschlüsselung. Diese beginnt beim Zerkauen und Einspeicheln der Nahrung, setzt sich fort bei der Resorption der Nährstoffe, beispielsweise von Vitaminen und Mineralstoffen, und endet mit der Ausscheidung von Substanzen, die der Körper nicht benötigt.
In diesem Zusammenspiel sollte man den Darm nicht isoliert betrachten, sondern den gesamten Magen-Darm-Trakt ebenso im Blick haben wie auch die Leber, die Darm-Hirn-Achse und das Immunsystem.

SN: Was ist die Darm-Hirn-Achse?
In der unmittelbaren Umgebung der Darmwand befindet sich ein Nervengeflecht, das man auch als zweites Gehirn bezeichnet, weil es über Neurotransmitter direkt mit dem Gehirn verbunden ist. Die Nährstoffe, die die Darmwand durchwandern, rufen in gewissen Rezeptoren der Neuronen Signale hervor, die wiederum zur Ausschüttung von Hormonen führen. Diese nervalen Reize lassen die Interaktion zwischen Darm und Gehirn in beide Richtungen zu. Stress im Gehirn wird also an den Darm geleitet und kann entsprechend zu Beschwerden führen. Andersherum können Darmbeschwerden das Gehirn und damit auch die Psyche beeinflussen.

SN: Welche Ernährung ist günstig für einen gesunden Darm?
Nach derzeitigem Forschungsstand lässt sich sagen, dass eine gesunde Ernährung ausgewogen sein soll, mit einem ausreichenden Anteil an Obst und Gemüse und ballaststoffreicher Kost. Ballaststoffe werden von den Keimen im Darm, die zum Mikrobiom gehören, zu kurzkettigen Fettsäuren verarbeitet, die für den Stoffwechsel der Darmzellen und des Immunsystems besonders wichtig sind. Eine Rolle spielt im Übrigen nicht nur, was man isst, sondern auch, wie und wann man isst: Wichtig ist, achtsam zu essen, sich Zeit dafür zu nehmen, und etwas dazu zu trinken. Auch der Zeitpunkt des Essens spielt eine Rolle - beispielsweise sollte man nicht direkt vor dem Schlafengehen eine große Mahlzeit zu sich nehmen.

SN: Sie haben gerade das Thema Mikrobiom angesprochen. Was ist dieses Mikrobiom genau?
Ein Mikrobiom ist ein Spektrum an unterschiedlichen Keimen und Mikroorganismen, wie zum Beispiel Viren, Pilze und Phagen, die für einen gesunden Körper unerlässlich sind. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sich 99 Prozent dieses Mikrobioms im Darm befinden, die Forschung um sie herum steckt allerdings noch in Kinderschuhen. Im Darm ist das Mikrobiom wichtig für die Aufrechterhaltung der Barrierefunktion. Ist es im Gleichgewicht, werden toxische Substanzen, die in den Darm gelangen, entschärft und gelangen so gar nicht erst in den Blutkreislauf.

SN: Was braucht der Darm neben einer entsprechenden Ernährung noch, um gut zu funktionieren?
Ausreichend Bewegung ist wichtig, um die Darmmotilität, die Aktivität des Darms, zu stimulieren. Eine entsprechende Muskulatur, beispielsweise im Bauchbereich, wirkt unterstützend auf die Darmtätigkeit. Außerdem entsteht durch langes Sitzen eine Trägheit des Darms mit möglichen Folgeerkrankungen. Körperliche Aktivität beeinflusst das Mikrobiom im Darm positiv.

SN: Welche Gewohnheiten des Alltags sind außerdem schädlich für den Darm?
Ein Zuviel an rotem, prozessiertem Fleisch ist nachweislich schädlich, ebenso ein Übermaß an Zucker. Insbesondere Softdrinks sind für die Zusammensetzung des Mikrobioms ungünstig und es gelangen mehr toxische Substanzen ins Blut. Das kann zu Diabetes, Störungen im Fettstoffwechsel, Fettleibigkeit, erhöhtem Blutdruck und weiteren Problemen führen. Die Dokumentation "Super Size Me" hat gezeigt, dass ein Zuviel an Fast Food ebenfalls diese Wirkung auf den Körper nimmt. Auch der unkritische Gebrauch von Antibiotika, vor allem bei Kindern, kann dazu führen, dass sich das Mikrobiom im Darm anders entwickelt und im Erwachsenenalter die genannten Probleme und Erkrankungen begünstigt.

SN: Was lässt sich bei langwierigen Problemen unternehmen, wenn man bereits auf die Ernährung und Bewegung achtet?
Eine Abklärung, ob Unverträglichkeiten und Allergien bestehen, beispielsweise Lactose- oder Fructoseintoleranz, wäre ein erster Schritt. Mit einer Darmspiegelung lassen sich chronische Darmerkrankungen und Darmkrebs erkennen. Die Probleme könnten auch psychische Ursachen haben, da Gehirn und Darm ja eng miteinander verbunden sind. In diesem Fall kann auch eine Psychotherapie oder eine Veränderung der Lebensumstände helfen, die Probleme in den Griff zu bekommen.

Die richtige Ernährung für den Darm
Die Diätologin Maria Benedikt befasst sich intensiv mit dem Thema Darmgesundheit. "In unserem Magen und Darm leben bis zu 2,5 Kilogramm Keime", erklärt sie. Wer diese füttert, trägt zur Gesundheit des Darms bei.

Nährstoffe für den Darm:

  • ausreichend Ballaststoffe: täglich zwei bis drei Portionen Gemüse in Form von Salat, warmem Gemüse, Gemüsesuppen, Rohkost;
  • fermentierte Lebensmittel, wie Sauerkraut, Joghurt, Buttermilch und Kefir;
  • sekundäre Pflanzenstoffe, wie es sie in Beerenfrüchten, Äpfeln und Zwiebeln gibt;
  • hochwertige pflanzliche Öle, beispielsweise Lein- und Walnussöl.


Mediterran oder nordisch
Sowohl die mediterrane als auch die nordische Küche eignen sich für einen gesunden Darm. "Die mediterrane Küche beinhaltet viel Gemüse, Fisch und Olivenöl, die nordische Küche besteht unter anderem aus vielen Beerenfrüchten, gesäuerten Milchprodukten sowie Walnuss- und Rapsöl."

Lange Verweildauer im Darm
Je länger Nahrung im Darm bleibe, desto besser. "Dadurch tritt es in Kontakt mit der Darmschleimhaut und ermöglicht eine gute Verdauung." Aus diesem Grund sind Nüsse gesund, die dem Körper hochwertige Fettsäuren liefern und eine lange Verweildauer im Darm aufweisen. "Ich empfehle meinen Kunden zum Beispiel im Joghurt geriebene Nüsse und Früchte."

Genug trinken, wenig Zucker
Ausreichend zu trinken ist wichtig - etwa anderthalb bis zwei Liter täglich. Zucker ist zu vermeiden, da er zu rasch verdaut wird und dabei ungünstigen Bakterien Nahrung bietet.

Aufgerufen am 25.05.2022 um 05:11 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/darmbeschwerden-das-zweite-gehirn-liegt-im-darm-119423446

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