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Durchfall: Wenn der Darm den Alltag bestimmt

Chronischer Durchfall macht vor allem vielen Frauen das Leben schwer. Neben dem Reizdarm ist häufig auch die unbekanntere mikroskopische Kolitis Ursache für die gesundheitlichen Probleme.

Vor allem Frauen sind von mikroskopischer Kolitis betroffen. SN/michaelheim - stock.adobe.com
Vor allem Frauen sind von mikroskopischer Kolitis betroffen.

Als es vor rund fünf Jahren begann, war Elisabeth Forrer zunächst etwas verwundert. Plötzlich häufte sich bei ihr der Durchfall. "Vorher litt ich eigentlich vor allem unter Verstopfung, seit Kindheit", erinnert sich die 56-Jährige. "Am Anfang fand ich es noch gut - endlich andersherum." Doch als die Probleme anhielten, dachte sie zunächst an eine Magen-Darm-Grippe. Mit der Zeit schloss sie diese aus. Da sie aber keine weiteren Symptome hatte als Bauchschmerzen oder ein ständiges Völlegefühl, wollte sie noch nicht medizinischen Rat holen: "Ich bin eben nicht der Typ, der gleich zum Arzt geht."

Schwieriger Alltag

Mit der Zeit richtete sich ihr Alltag aber nur noch nach dem Klodrang. Die Angst vor einem Malheur wurde zu einem ständigen Begleiter. Vor ein paar Monaten konnte sie sich durchringen, den Hausarzt aufzusuchen. Vielleicht litt sie ja auch unter einer Lebensmittelallergie oder Unverträglichkeit, vermutete sie. Der Hausarzt konnte ihr zwar keine Antwort geben, überwies sie aber umgehend an einen Spezialisten für eine Darmspiegelung - nicht nur der Symptome wegen, sondern auch, weil eine Vorsorgeuntersuchung ratsam war.

Zwei Tage später hatte Elisabeth Forrer die Diagnose in der Hand. "Zum Glück kein Krebs, wie ich insgeheim befürchtet hatte", sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie litt aber unter einer sogenannten mikroskopischen Kolitis - einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, wie etwa auch der bekanntere Reizdarm. Bei der mikroskopischen Kolitis handelt es sich um kleine Entzündungsherde an der Dickdarmoberfläche, die zwar einen harmlosen, aber heftigen, wässrigen und unblutigen Durchfall bewirken können. Frauen leiden drei Mal öfter daran als Männer. Als Ursache kommen infrage: Nebenwirkungen von Medikamenten, weibliche Hormone oder ein fehlgeleitetes Immunsystem. Kolitis tritt vielfach zusammen auf mit Autoimmunerkrankungen wie Getreideunverträglichkeit, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes oder rheumatoider Arthritis.

Genaue Diagnose wichtig

In der Praxis der Magen-Darm-Ärzte hat mittlerweile fast jeder fünfte Patient mit chronischem Durchfall eine mikroskopische Kolitis. "Sie ist sogar die häufigste Durchfalldiagnose bei Frauen ab 65", stellt der Magen-Darm-Arzt Stephan Vavricka fest, der auch Elisabeth Forrer behandelt. Weil die Symptome jenen des Reizdarms ähnelten, würden Patienten häufig mit einem Reizdarmverdacht zu ihm kommen. Die Krankheit kann nur mit einer Dickdarmspiegelung und dabei entnommenen Gewebeproben einwandfrei diagnostiziert werden. Zudem gibt es weitere Hinweise, die nicht zu einem Reizdarm passen: Patientinnen sind älter als 50, haben keinen wechselhaften Stuhl, keine Bauchschmerzen, kein Völlegefühl und keine Blähungen.

Elisabeth Forrer erhielt als Behandlung ein kortisonähnliches Präparat, das nur im Darm wirksam ist. "Diese Therapie hilft in den meisten Fällen", sagt Vavricka. Bei 80 Prozent der Patienten bringe man damit die Kolitis vollständig weg. Bei den anderen kehrt die Krankheit zurück. Diese benötigen eine weitere Therapie, etwa mit Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen. Weil die Therapien in der Regel nicht sofort wirkten, könne man bis dahin auch mit einem Medikament gegen Durchfall überbrücken, sagt der Magen-Darm-Arzt.

Forschung auf Hochtouren

In Zukunft stehen vielleicht auch neue wirksame Medikamente zur Verfügung, die via Immunsystem auf die Erkrankung Einfluss nehmen. Derzeit läuft die Forschung auf Hochtouren. "Wir fangen gerade erst an herauszufinden, was da im Darm des Menschen genau geschieht", sagt Andrew J. Macpherson, Klinikdirektor und Chefarzt Gastroenterologie des Inselspitals in Bern. Ziel der Forschung sei es, Möglichkeiten zu finden, fehlgeleitete weiße Blutkörperchen als Teil des Immunsystems so zu manipulieren, dass sie wieder richtig funktionierten und nicht mehr den eigenen Körper angreifen würden.

Im Gegensatz zu der mikroskopischen Kolitis betrifft der Reizdarm oder das Reizdarmsyndrom vor allem jüngere Menschen, zwischen 30 und 50. "Der Reizdarm ist in dieser Altersgruppe die häufigste Darmerkrankung", sagt Stephan Vavricka. Der Reizdarm ließe sich jedoch nur finden, indem alle anderen möglichen organischen Ursachen für die Verdauungsbeschwerden ausgeschlossen würden. In der Regel passiert dies mit einer Darmspiegelung. Ausgeschlossen werden müssen entzündliche Darmerkrankungen wie etwa Morbus Crohn, Infektionen mit Bakterien oder Viren, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und auch eine Darmkrebserkrankung. Stress jeglicher Art scheint ein zentraler Auslöser oder Verstärker des Reizdarms zu sein. Die Patienten klagen dabei meist über Unterbauchschmerzen, Blähungen, Völlegefühl und Unterbauchkrämpfe sowie wechselweise über Durchfall und Verstopfung.

Behandlungsmethoden

Für die Behandlung gibt es kein generelles Rezept. "Die Behandlung erfolgt individuell mit Medikamenten und anderen Therapieansätzen", erläutert der Gastroenterologe. Die Behandlung richtet sich nach der Stärke der Erkrankung. Eingesetzt werden krampflösende und schmerzstillende Medikamente sowie solche, die den Stuhl regulieren. Im Vordergrund stehen dabei oft pflanzliche Mittel. Wirksam sind auch Probiotika. Zu einer Behandlung gehört meist auch eine Ernährungsumstellung. Weil Stress ein Auslöser der Krankheit sein kann, empfiehlt sich auch, mögliche Stressfaktoren zu beseitigen und Entspannungsübungen in den Alltag einzubauen.

Inzwischen hat Elisabeth Forrer die Behandlung ihrer mikroskopischen Kolitis mit einem kortisonähnlichen Präparat begonnen. Die Behandlung zeigt Wirkung. "Ich muss schon weniger oft auf die Toilette rennen", freut sie sich. Sie hofft natürlich, dass die Symptome schon bald ganz verschwunden sein werden und sie sich wieder frei bewegen kann - ohne die ständige Angst vor einem Malheur.

Aufgerufen am 05.07.2022 um 11:32 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/durchfall-wenn-der-darm-den-alltag-bestimmt-116552605

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