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Klänge fördern Erinnerungen zutage

Eine einfache Technik hilft Menschen mit Demenz, "Erinnerungsschätze" zu bergen. Das tut den Betroffenen gut - und den Betreuern.

Andrea Hess (UZH) im Gespräch mit Studienteilnehmer im Reusspark Niederwil. SN/jos schmid
Andrea Hess (UZH) im Gespräch mit Studienteilnehmer im Reusspark Niederwil.

Der Bach rauscht durch Wiesen und Wälder. Es plätschert und gurgelt. Vertraute Geräusche, die uralte Erinnerungen wecken: "Wasser war ein großes Element in meinem Leben. Als Kind war ich viel draußen in der Natur, habe mit meiner Schwester am oder im Bach gespielt", erzählt die 75-jährige Frieda Luchsinger (Name geändert), wenn sie heute das Rauschen eines Baches vernimmt. Sie leidet an einer fortgeschrittenen Demenz und erinnert sich nur noch wenig an ihr früheres Leben.

Ähnlich ergeht es der 83-jährigen Erika Schwarz (Name geändert), wenn sie das von Kindern gesungene Lied "Hänschen klein" hört. Dann kommen Erinnerungen hoch: "Wenn ich das Lied sang, kam meine Schwester angerannt, und wir spielten zusammen." Auch sie hat viel Vergangenes aufgrund ihrer Demenzerkrankung vergessen. Beide leben heute in einem Pflegeheim und sind dauerhaft auf Betreuung angewiesen.

Neue Technik "Musikspiegel"

Geräusche, Klänge oder Musik eignen sich, um in Menschen mit Demenz vergessen geglaubte Erinnerungen wachzurufen, wie aus verschiedenen Studien hervorgeht. Diese Tatsache macht sich nun eine neue Technik für die Betreuung von Demenzkranken zunutze. Sie heißt "Musikspiegel".

Ein Musikspiegel besteht aus einer Liste von notierten, schönen Lebensmomenten des Patienten, erzählt mit dessen eigenen Worten und jeweils verknüpft mit einem Musikstück oder einem Geräusch wie dem Bachrauschen von Frieda Luchsinger. "Allerdings muss rechtzeitig danach gefragt werden, sonst geht auch die älteste Erinnerung verloren", erklärt Projektleiterin Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich. Seit sie die Begründerin des Musikspiegels - die Musikgeragogin Heather Edwards - 2014 in Glasgow getroffen hatte, war sie fasziniert von der "einfachen und gleichzeitig bestechenden Idee" des Konzepts. So wünschte sie sich, diese Methode ebenfalls im Betreuungs- und Pflegealltag in der Schweiz einzuführen.

Studie: positive Auswirkungen

Weil der Musikspiegel noch nie wissenschaftlich untersucht worden ist, wollte das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich anhand einer größeren Studie herausfinden, ob sich die positiven Erfahrungen im Pflegealltag Großbritanniens auch auf die Schweiz übertragen lassen. Im vergangenen Sommer konnte die Studie in Zusammenarbeit mit Pflegeheimen, Fachleuten aus der Altersmedizin sowie der Hochschule Luzern für Musik und zahlreichen Freiwilligen abgeschlossen werden.

Die Ergebnisse liegen nun vor. Fast 200 Personen mit Demenzerkrankungen hatten sich beteiligt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Einsatz eines Musikspiegels verschiedene positive Auswirkungen hat. So verbesserte sich das Wohlbefinden der Demenzerkrankten deutlich, ebenso der Betreuenden und der Angehörigen. Der Musikspiegel baute eine emotionale Brücke zwischen zwei Menschen, indem er den Betreuenden Zugang zur erkrankten Person ermöglichte. Zugleich vermittelte er den Demenzerkrankten ein Gefühl der Wertschätzung.

Individuelle Anpassung nützt in diversen Situationen

Der Einsatz des Musikspiegels förderte nicht nur eine positive Beziehung zwischen der erkrankten und der betreuenden Person, sondern verringerte auch das herausfordernde Verhalten des Demenzerkrankten gegenüber anderen. Zu diesem Verhalten zählen: Rastlosigkeit, depressive Verstimmungen, Apathie oder auch Aggressionen. Weiter nahm das Stressempfinden in Belastungsmomenten ab, etwa beim Anziehen oder bei der Körperpflege. Der individuell angepasste Musikspiegel nützte bei unterschiedlichsten Stimmungslagen und Situationen. Zum Beispiel: Die Tochter möchte ihrem erkrankten Vater wieder näherkommen. Eine Angehörige berichtet: "Aufgrund des Musikspiegels gehe ich wieder häufiger zu meinem Vater und erfahre immer wieder Dinge aus seiner Vergangenheit." "Erinnerungsperlen" scheinen vor allem dann besonders wirkungsvoll, wenn sie emotional bedeutsam sind. "Ob Musik oder Geräusche mit ihnen verbunden werden, ist dabei eher unerheblich", sagt Oppikofer.

Beliebteste Musikstücke

Aber es gibt Musikstücke oder Geräusche, die im Rahmen der Studie häufiger genannt wurden. Darunter "Ave Maria", "Stille Nacht, heilige Nacht", Hundegebell, Vogelgezwitscher und Meeresrauschen.

Nur in wenigen Fällen empfiehlt sich der Einsatz des Musikspiegels nicht. Etwa bei großen Hörproblemen, bei psychotischen Symptomen (Wahn, Halluzinationen) oder wenn der Musikspiegel zu wenig vielfältig, unzutreffend ist oder gar negative Gefühle hervorruft. Oppikofer ist überzeugt: "Der Musikspiegel hat das Potenzial, den Betreuungsalltag auf emotionaler Ebene bedeutend zu verbessern, für Pflegende wie für Angehörige."

Musik und Bewegung mobilisieren Hirnreserven

Auch aus geriatrischer Sicht spricht einiges für den Einsatz des Musikspiegels: "Der Musikspiegel ist eine inspirierende Technik, um mit Musik vorhandene Ressourcen von Menschen mit eingeschränkter Hirnleistung gezielt zu nutzen", sagt Geriater Reto W. Kressig, Ärztlicher Direktor der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel, wo der Musikspiegel ebenfalls getestet wurde. Die Technik basiert laut Kressig auf einer wissenschaftlich nachgewiesenen Tatsache, dass sich Musik und Bewegung besonders eignen, Hirnreserven zu mobilisieren. Denn das musikalische Gedächtnis bleibt bis zu einer fortgeschrittenen Demenz weitgehend intakt und kann in der Kommunikation mit diesen Menschen aktiviert werden. "Ich habe auch beobachtet, dass es dank Musik nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Angehörigen und Betreuer immer wieder zu besonders ergreifenden Momenten kommt", sagt Geriater Kressig.


Anleitung für einen Musikspiegel: Angehörige können mithelfen

Dank moderner Technik kann jeder einen Musikspiegel erstellen, ob betreuender Angehöriger oder Fachperson in einem Pflegeheim. Man braucht aber hierfür Zeit und Einfühlungsvermögen. Es geht nicht darum, ein Unterhaltungsprogramm für Mama oder Papa zu kreieren: Die Musik, die Klänge oder Geräusche müssen den Menschen mit Demenz innerlich ansprechen und eine Reaktion erzeugen. Ein Sohn will etwa einen Musikspiegel für seine Mutter erstellen. Er greift aber nicht zu Notizpapier und Bleistift, sondern zieht sein Tablet vor, wie es auch möglich wäre.
Im Gespräch mit seiner Mutter macht er sich nun auf die Suche nach zehn bis zwölf starken Erinnerungen und der damit zusammenhängenden Musik. Es geht um Kindheit, Beruf, Freizeit, Religion, Musik und Fernsehen. Dabei will der Sohn alles vermeiden, was der Mutter negative Gefühle verursacht. Der erste Tanzabend könnte sich zum Beispiel gut als positive Erinnerung eignen: Möglichst wortgetreu hält er Mutters Worte in Ich-Form und in wenigen Sätzen auf seinem Tablet fest. Zum unvergesslichen Abend gehört etwa Elvis Presley. Einen entsprechenden YouTube-Link speichert der Sohn neben den Notizen ab, sodass das Lied stets aufgerufen werden kann.

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