Innenpolitik

10.000 Menschen beten für Sebastian Kurz - "ich wusste davon nichts"

Am Wochenende nahm Altkanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am christlichen Ökumene-Großevent "Awakening Austria" in der Wiener Stadthalle teil. Dabei beteten tausende Menschen für ihn. Das löste im Netz Hohn und Spott, in der Politik hingegen scharfe Kritik aus.

Tausende versammelten sich am Wochenende zum Großevent „Awakening Austria“. Und beteten dabei auch für Sebastian Kurz. SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Tausende versammelten sich am Wochenende zum Großevent „Awakening Austria“. Und beteten dabei auch für Sebastian Kurz.

Ex-Kanzler Sebastian Kurz ist nach wie vor im Nichtwahlkampf. Dabei stoppte er am Wochenende zum gemeinsamen Gebet in der Wiener Stadthalle. Veranstalter war die Organisation "Awakening Europe - Initiative zur geistlichen Erneuerung Europas in Christus", die sich der Stärkung der Einheit der Christen gewidmet hat. Ihr Gründer Ben Fitzgerald hielt dabei ein "Segensgebet" für Sebastian Kurz.

"Vater wir danken dir so sehr für diesen Mann. Für die Weisheit, die du ihm gegeben hast. Für das Herz, das du ihm gegeben hast für dein Volk", sagte der Veranstalter auf der Bühne, während Tausende ihre geöffneten Arme gen Bühne streckten.

Sebastian Kurz richtete im Anschluss ebenfalls Worte an das Publikum. Bedankte sich bei allen für den Segen. Es sei beeindruckend, so viele Christen aus 45 Nationen in der Stadthalle gemeinsam zu sehen.

Kritik nach "Segensgebet" für Kurz in der Stadthalle

Kurz und die Veranstalter des religiösen Großevents "Awakening Europe" müssen sich seit Sonntag allerdings einiges an Kritik anhören. So warnte die Direktorin der evangelischen Diakonie, Maria Katharina Moser, vor einem "Missbrauch des Gebets" für Wahlkampfzwecke: "Die Kirchen sollten sich hüten, sich vor den parteipolitischen Karren spannen zu lassen, egal welcher Partei", schrieb sie auf Twitter.

Und ihr Kollege von der katholischen Caritas, Michael Landau, verwies angesichts der Inszenierung auf offener Bühne schlicht auf das Gebot des Matthäus-Evangeliums, im Privaten zu beten ("Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu") - "Von Stadthalle steht da nichts."

So reagiert Sebastian Kurz auf die Kritik:

Altkanzler Sebastian Kurz hat seine Teilnahme am evangelikalen Großevent "Awakening Europe" verteidigt. Er selbst habe "nichts Verwerfliches gesagt", meinte der ÖVP-Chef bei einer Pressekonferenz am Montag. Vom "Segensgebet" des Predigers Ben Fitzgerald sei er selbst überrascht gewesen: "Ich wusste davon nichts. Wer das Video sieht, sieht mir vielleicht an, dass ich etwas überrascht und starr reagiert habe für meine Verhältnisse", sagte Kurz.

Er sei immer wieder bei Religionsgemeinschaften zu Gast gewesen - bei Juden, Christen, beim islamischen Fastenbrechen - und habe am Sonntag gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn an einer ökumenischen Veranstaltung in der Stadthalle teilgenommen. Den australischen Pastor habe er vorher nicht gekannt.

Scharfe Worte fand Liste JETZT-Abgeordneter Peter Pilz: "Es ist peinlich, wenn sich ein Altkanzler an fundamentalistische religiöse Sekten anbiedert und für sich beten lässt. Gefährlich wird es, wenn er den Religionskampf dieser Sekten unterstützt", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme. Pilz forderte von Kurz eine klare Distanzierung von den Zielen von "Awakening Europe".

Das sagt ein Theologe über die "Awakening"-Bewegung

Der Theologe Paul Zulehner beschreibt die "Awakening"-Bewegung so: "Sie kam aus Amerika und geht über alle Kontinente. Sie setzt auf Emotionen, weniger auf Verstand und will ein müdes Christentum wieder erwecken und verbreiten, sprich: missionieren." Politisch sei sie eher als rechts einzuschätzen. Die meisten Anhänger seien in Frei- und Pfingstkirchen zu finden. Sektenähnliche Züge sieht Zulehner nicht. "Sekten wollen sich von der der ,Welt da draußen' abschotten. Diese Bewegung will eigentlich das Gegenteil und setzt sich auch für politische Ideen ein."

Den Auftritt von Sebastian Kurz bei der Veranstaltung sieht Zulehner aus zwei Gründen problematisch: "Es ist leider eine alte Versuchung der Politik, die Religion vor den eigenen Karren zu spannen. Das sieht man bei vielen Politiker, von Putin bis Erdogan." Konkret kritisiert Zulehner noch die Segnung von Kurz. "Das ist für Kurz eine brandgefährliche Sache. Denn eine Segnung stellt den Menschen unter das Evangelium. Das bedeutet für Kurz: Seine Politik muss sich mit dem Evangelium messen lassen. Gerade bei der Klima- und Migrationspolitik der vergangenen Regierung zeigen sich in dieser Hinsicht aber deutliche Gräben." Nicht nur aus theologischen, sondern auch aus wahltaktischen Motiven sei der Auftritt deshalb für Kurz nicht sonderlich günstig verlaufen.

Beten für Sebastian Kurz: So reagiert das Netz

Das kollektive Gebet für Sebastian Kurz wurde schnell zum Aufreger-Thema Nummer Eins im Netz. Jan Böhmermann zog sich schnell aus der Affäre, die "Die Tagespresse" verkündete den Austritt Jesu aus der Kirche. Ein Überblick zu den Reaktionen im Netz.

Schon im Vorfeld der Veranstaltung sorgte die Ankündigung für Häme im Netz:

Jan Böhmermann zog sich schnell aus der nächsten "Affäre":

Darauf wusste ein User nur eines zu twittern:

Das Satire-Magazin "Die Tagespresse" hatte sogleich die nächste Eilt-Meldung zu vermelden:

"Um Himmels willen!", kommentierte ORF-Anchor Armin Wolf:

Auch Falter-Chefredakteur Florian Klenk zwitscherte für den "Messias":

Der frühere Neos-Chef Matthias Strolz dürfte sich an alte Zeiten zurückerinnern, postete ein User:

Strolz selbst äußerte harte Kritik an der katholischen Kirche:

Der Präsident der Caritas Österreich, Michael Landau, plädierte für etwas mehr Privatsphäre beim Beten:

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Aufgerufen am 16.10.2019 um 11:45 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/10-000-menschen-beten-fuer-sebastian-kurz-ich-wusste-davon-nichts-71853322

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