Innenpolitik

Wie wahrscheinlich ist ein großer Blackout? Und wie gut ist Österreich darauf vorbereitet?

Schreckgespenst Blackout. Was passiert, wenn tagelang der Strom ausfällt. Wie wahrscheinlich ein solches Szenario ist. Und wie beunruhigend schlecht wir darauf vorbereitet sind.

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Terror, bewaffnete Konflikte, neue Migrationswellen. Alljährlich gibt das Verteidigungsministerium eine Sicherheitspolitische Jahresvorschau über die aktuelle Gefahrenlage für Österreich heraus. Heuer heißt es darin recht lapidar: "Das größte Risiko für eine nächste Systemkrise in Österreich birgt ein flächendeckender Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall (Blackout), mit dessen Eintritt binnen der nächsten fünf Jahre zu rechnen ist."

Apokalyptische Vorhersagen

Irgendwann zwischen heute und 2026 wird es also passieren. Aber was genau? Auch das ist in der Jahresvorschau nachzulesen, in der es über einen vom Bundesheer jüngst durchgeführten Blackout-Selbstversuch heißt: "Binnen der ersten zwölf Stunden Notstrombetrieb versagten fünf von sechs Notstromaggregaten. Die stromabhängigen berührungslosen Armaturen in den Sanitärräumen gaben kein Wasser mehr ab. Trotz funktionierender Wasserversorgung gab es kein Wasser. Elektronische Zugangsanlagen verriegelten und konnten nicht umgangen werden. In einem Krankenhaus wurde festgestellt, dass die Versorgung bei Reinigungsmaterial oder OP-Bekleidung gerade einmal einen Tag reicht. Viele Gesundheitseinrichtungen hatten Lebensmittel nur für wenige Tage vorrätig." Und so weiter.

Der Autor dieser nüchternen Bestandsaufnahme ist Herbert Saurugg, Blackout-Experte und ehemaliger Berufsoffizier. Er hält die Gefahr eines Blackouts für sträflich unterschätzt und warnt vor Auswirkungen von beispielloser Dramatik. Zwar sei das europäische Stromversorgungssystem das größte und verlässlichste der Welt. Doch eine hundertprozentige Sicherheit biete es nicht, wie heuer bereits mehrere kleinere Zwischenfälle gezeigt hätten.

Trotz dieser Zeichen an der Wand seien weder die Menschen noch die Unternehmen noch die Regierungen auf einen europaweiten Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall vorbereitet. Im Falle eines solchen Blackouts könnte die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr sichergestellt werden, warnt Saurugg. "Die größte Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg" wäre die Folge.

 Herbert Saurugg, Blackout-Experte und ehem. Berufsoffizier: „Die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen könnte nicht mehr sichergestellt werden. Die größte Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg wäre die Folge.“ SN/katschutz.info
Herbert Saurugg, Blackout-Experte und ehem. Berufsoffizier: „Die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen könnte nicht mehr sichergestellt werden. Die größte Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg wäre die Folge.“

Diese Sorge treibt auch Oberst Gottfried Pausch, einen ehemaligen Kollegen Sauruggs beim Bundesheer, seit Langem um. Mit Vortragsreisen versucht der Salzburger unermüdlich, die Menschen auf die Gefahr eines Blackouts hinzuweisen und zur Vorsorge zu animieren. In einer Fallstudie schildert der mittlerweile pensionierte Offizier die dramatischen Folgen eines europaweiten fünftägigen Blackouts am Beispiel des Pinzgaus während des Winters. Das Szenario, das Pausch entwirft, ist drastisch:

Auf dem Kitzsteinhorngletscher, wo ohne Strom plötzlich die Lifte stillstehen, prügeln sich Tausende Skigäste um einen Platz in den wärmenden Hütten. Auf den Bauernhöfen brüllen die Kühe vor Schmerz, weil die Melkmaschinen nicht mehr arbeiten. Die Wasserversorgung funktioniert nur noch dort, wo die Wasserreservoirs hoch gelegen sind und keine Pumpen nötig sind. Tankstellen ohne Notstromaggregate fallen aus, ebenso die Ampelanlagen und Tunnelsicherungen. Bald sind die Straßen mit Fahrzeugen, die ohne Sprit liegen geblieben sind, verstopft, von den Elektroautos ganz zu schweigen.

Spitäler überlastet, Menschen erfrieren

Die Nahrungsmittelversorgung bricht zusammen, es kommt zu Hamsterkäufen und gewalttätigen Plünderungen. Abwasser- und Kläranlagen funktionieren nicht mehr. Den elektronischen Zahlungsverkehr gibt es nicht mehr. Es kommt zu einem Sturm auf die Banken, diese müssen die Ausgabe von Bargeld rationieren. Die Kommunikationsnetze - Handys, Radio, Fernsehen - fallen aus. Große Unsicherheit in der Bevölkerung macht sich breit.

Je länger der Blackout dauert, desto dramatischer werden die Folgen: In Gebäuden mit Elektroheizung erfrieren die Bewohner. Die Spitäler sind völlig überlastet, es fehlt an Medikamenten. Die Menschen beginnen zu hungern, der Kampf ums Überleben wird teilweise mit Waffengewalt ausgetragen. Die Einsatzkräfte - selbst schon geschwächt - sind mit der Situation überfordert. Das Vertrauen der Menschen in die Behörden schwindet dramatisch.

Realistisches Szenario auch in Europa: ein Blackout im August 2003 in New York City.  SN/AP
Realistisches Szenario auch in Europa: ein Blackout im August 2003 in New York City.

So weit das apokalyptische, aber durchaus realistische Szenario für einen fünftägigen Blackout in Europa. Aber wie wahrscheinlich ist das? Wie groß ist die Gefahr, dass der Strom so lange ausfällt? Groß, meint Blackout-Experte Saurugg, und nennt mehrere Faktoren für die Verwundbarkeit des Stromnetzes: Erstens den steigenden Strombedarf durch E-Autos, Wärmepumpen, Klimageräte und die Digitalisierung. Zweitens die europaweite Energiewende mit der Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken. Und drittens die volatile Stromgewinnung aus Wind und Sonne.

Wie sehen das die Hüter der österreichischen Stromnetze? "Natürlich ist das System in einem grundlegenden Transformationsprozess", sagt Gerhard Christiner, Technik-Vorstand der Austria Power Grid (APG), die über das österreichische Hochspannungsnetz waltet und für die Netzstabilität verantwortlich ist.

Gerhard Christiner, Technik-Chef der Austrian Power Grid: „Aber wir tun alles, damit Stabilität und Sicherheit des Systems nicht gefährdet sind. Versorgungssicherheit ist das wichtigste Ziel.“ SN/apg
Gerhard Christiner, Technik-Chef der Austrian Power Grid: „Aber wir tun alles, damit Stabilität und Sicherheit des Systems nicht gefährdet sind. Versorgungssicherheit ist das wichtigste Ziel.“

Man könne viele Aspekte der Umstellung der Stromversorgung als Risiko sehen und auch die APG habe sie im Blick. "Aber wir tun alles, damit Stabilität und Sicherheit des Systems nicht gefährdet sind. Versorgungssicherheit ist das wichtigste Ziel."

Das eigentliche Problem sind Ereignisse, wie im Jänner in Kroatien oder im Juli in Frankreich, wo sich überlastete Steuerungselemente, gleich dem FI im Haushalt, unerwartet abschalteten. In solchen Momenten müssen die Sicherheitsmechanismen greifen, die alle Netzbetreiber in Europa abstimmen und permanent testen. "In den ersten Sekunden kommt es auf die technischen Systeme an. Da kann der Mensch nichts tun", sagt Christiner. Bei einer solchen Störung werden Stromnetze automatisch getrennt, Kraftwerke binnen Sekunden zu- oder abgeschaltet oder es wird Last abgeworfen, wie das Abschalten von Großverbrauchern im Fachjargon heißt. Alles, um Strombedarf und Erzeugung in Balance zu bringen und die Stromnetze wieder zu vereinen. "Wir können stolz sagen, die Mechanismen haben funktioniert", so der APG-Vorstand. Nach einer Stunde war alles wieder im Lot.

Kommt es doch zu einem richtigen Blackout - einem großflächigen Stromausfall von einigen Stunden -, hängt es sehr wohl an den Mitarbeitern, wie schnell die Lichter wieder angehen. "Der diensthabende Betriebsführer muss wissen, was zu tun ist, um den Netzwiederaufbau aktiv anzugehen", erklärt Christiner. APG-Mitarbeiter sind dazu jährlich - ähnlich wie Piloten - auf Simulatortraining in Duisburg und werden mit Großstörungen und Blackouts konfrontiert.

Versorger APG übt für den Ernstfall - auch am Simulator

Zum Wiederaufbau der Netze braucht jedes Land "schwarzstartfähige" Kraftwerke, die ohne Strom starten können, wie in Österreich etwa der Pumpspeicher Malta. Dann werden Erzeuger und Verbraucher Schritt für Schritt zugeschaltet, um die Netzfrequenz stabil auf 50 Hertz zu halten. "Das kann man üben", betont Christiner. Die Simulationen der APG zeigten, "dass wir es im Idealfall schaffen, binnen zwölf bis 30 Stunden Österreich wieder zu versorgen. Einen einwöchigen Stromausfall sehen wir nicht." Nachdenklich stimmt den Techniker aber, dass die Reserven, die im Stromsystem notwendig sind und früher großzügig eingebaut wurden, mittlerweile aufgebraucht sind. "Daher herrscht immer Stress" - und darum sei auch der Netzausbau so wichtig.

November 2014: ein großer Blackout in Bangladesch – im Bild ein Mann im Supermarkt.  SN/ap
November 2014: ein großer Blackout in Bangladesch – im Bild ein Mann im Supermarkt.

Saurugg und Pausch mahnen angesichts der Blackout-Gefahr zur Eigenvorsorge der Haushalte und der Gemeinden. Jeder Haushalt sollte sich zumindest zwei Wochen lang autark aus eigenen Vorräten versorgen können. Denn auch wenn der Blackout kürzer dauere, könne man danach nicht einkaufen gehen, da der Wiederaufbau der Lieferketten viel Zeit in Anspruch nehmen werde. Saurugg erinnert an die Blockade des Suezkanals durch ein hängen gebliebenes Schiff im März. Die dadurch ausgelöste weltweite Unterbrechung der Logistikketten ist bis heute spürbar. Nach einem Blackout werde es Monate dauern, bis der Handel normal laufe. Die Wiederherstellung der Versorgung mit landwirtschaftlichen Gütern könnte sogar Jahre dauern, meint Saurugg. Warum? Weil in der industrialisierten europäischen Landwirtschaft ein Blackout den Tod von Millionen Nutztieren zur Folge hätte.

Auf den Staat sollte man sich da eher nicht verlassen. Studien zufolge wären nach sieben Tagen eines Blackouts bereits sechs Millionen Menschen in Österreich von ernsten Versorgungsengpässen betroffen.

Wie will man Millionen von Menschen notversorgen?

Aber niemand könne Millionen Menschen notversorgen, sagt Saurugg. Zumal die Einsatzkräfte, wie erwähnt, dann alle Hände voll damit zu tun hätten, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Und das, während sie selbst unter den dramatischen Folgen des Blackouts zu leiden hätten.

Diesen letzten Punkt versucht das Bundesheer nun anzupacken. Gemäß seinem Selbstbild als strategische Handlungsreserve der Republik, die hilft, wenn andere nicht mehr können, widmet sich das Heer derzeit verstärkt der Blackout-Vorsorge. Durch das Konzept der "Sicherheitsinseln" sollen autarke Kasernen geschaffen werden, die dem Bundesheer, aber auch anderen Hilfsorganisationen als sichere Stützpunkte dienen sollen. So werden in den Kasernen nun Lebensmittel- und Tanklager angelegt, die Feldküchen wieder ausgepackt, Notstromaggregate für Tankstellen installiert, Kommunikationsnetze via Kurzwelle aufgebaut. Alles das soll dafür sorgen, dass das Bundesheer im Falle eines Blackouts mithelfen kann, die öffentliche Ordnung und Versorgung aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.

Wobei man beim Heer betont, in diesem Fall nur im Auftrag des Innenministeriums tätig werden zu können. Während es im Innenministerium heißt, dass für die zentrale Krisenbewältigung möglicherweise eher das Bundeskanzleramt zuständig ist. Wie gesagt: Auf den Staat sollte man sich im Fall eines Blackouts nicht verlassen ...

Aufgerufen am 06.12.2021 um 12:45 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/wie-wahrscheinlich-ist-ein-grosser-blackout-und-wie-gut-ist-oesterreich-darauf-vorbereitet-109554952

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