Chronik

Am Tag nach der Überflutung in Hallein: Ausmaß der Zerstörung enorm

Wie konnte das passieren, fragen sich viele betroffene Halleiner am Tag nach den Überflutungen von weiten Teilen der Altstadt. Seit Jahren gibt es Pläne für ein Hochwasserschutzprojekt beim Zubringerbach vom Dürrnberg. Doch das konnte noch nicht umgesetzt werden. Der Naturschutzbund beeinspruchte das Projekt zwei Mal bei Gericht.

Starke Regenfälle waren prognostiziert. Aber was sich Samstagabend in Hallein binnen Minuten abspielte, damit hatte niemand gerechnet. Gegen 19.45 Uhr schossen die Wassermassen durch weite Teile der Altstadt und des "Griesrechens". Der Kothbach, der vom Dürrnberg mitten durch die Altstadt Richtung Salzach führt, war über die Ufer getreten und schoss mit gewaltiger Kraft durch die Straßen und Gassen. Viele Bewohner versuchten noch verzweifelt, ihre Autos aus der Tiefgarage zu fahren und in Sicherheit zu bringen, indem sie hinauf zum Winterstall in Richtung Gymnasium fahren wollten.

Doch den meisten gelang das nicht mehr. Zu schnell ist die Flut gekommen. Baumstämme schwammen plötzlich durch die Straßen, Autoreifen, Schuhe, Mülltonnen, die Gastgarten-Einrichtung eines Lokals aus der Altstadt. Keller werden binnen Minuten geflutet, die Fenster brachen, Kellermauern stürzten mit einem lauten Krach ein, ohne dass die Bürger etwas dagegen machen konnten. In der Neuen Mittelschule Burgfried richtet die Stadtgemeinde eine Notunterkunft ein. Polizisten wateten durch die Straßen, um zu kontrollieren, ob sich niemand mehr in den Erdgeschoß-Wohnungen befindet. Ein älteres Ehepaar wurde gebeten, die Wohnung zu verlassen. Die gehunfähige Frau wurde in den zweiten Stock getragen, damit sie in Sicherheit ist. Bald kursieren erste Videos, die zeigen, wie drei Menschen in der Halleiner Altstadt versuchen, nicht von den Massen mitgerissen zu werden. Die Feuerwehr registriert 150 Einsätze.

Erinnerungen an 1976 werden wach

Bei den alteingesessenen Halleinern ist schnell klar, was passiert ist. Nicht die Salzach ist das Problem. Diese ist seit Jahren mit einem massiven Hochwasserschutz verbaut und auf einen großen Pegelstand ausgerichtet. Der Kothbach wütet wieder. Und das weckt bei vielen Erinnerungen an 1976. Auch damals brachten die Zubringerbäche vom Dürrnberg die Katastrophe in die Altstadt. Bald danach wurden große Rückhaltesperren errichtet. 2014 wurden die Planungen zum Hochwasserschutzprojekt für den Kothbach in Hallein von der Wildbach- und Lawinenverbauung vorgestellt. Denn 19 Kubikmeter Wasser pro Sekunde können durch das Bachbett des Kothbaches in die Salzach abfließen - bei einem Hochwasser fallen 42 Kubikmeter pro Sekunde an. Nachdem das Bachbett in der Altstadt nicht mehr ausgeweitet werden könne, haben die Experten weitere Retentionsbauten empfohlen, damit die Altstadt bis zu einem 30-jährlichen Hochwasser geschützt werden kann. Unter anderem soll im Anstieg zu den Barmsteinen in Kleinkirchental ein 125 Meter breites und 14 Meter hohes Retentionsbauwerk entstehen. Dazu müsste auch eine neue Straße gebaut und der Wanderweg verlegt werden. Kosten insgesamt: 6,3 Millionen Euro.

Streit um Hochwasserschutzprojekt vor Gericht

Genau dieses "Betonbauwerk" stört den Naturschutzbund - man plädiert dafür, "natürlich vorhandene Retentionsflächen zu nutzen". Das Ganze sei zu überdimensioniert. "Der Hochwasserschutz von Hallein ist sicher eine vordringliche Angelegenheit und muss errichtet werden. Aber die Mittel und Methoden, die nunmehr von der Stadt Hallein und der WLV dazu vorgesehen sind, entsprechen einem antiquierten Konzept und berücksichtigen die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse über ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren des Hochwasserschutzes zu wenig. Augenscheinlich geht es darum, das Hauptaugenmerk auch im Kotbach auf bewährte Mittel der Vergangenheit - d.h.: möglichst viel Beton und Erdbewegungen - zu legen", heißt es 2016 vom Naturschutzbund. Gegen die wasserrechtliche Bewilligung hat der Naturschutzbund 2019 Beschwerde eingelegt. Das von der WLV ausgearbeitete Projekt verschlinge 800 Kubikmeter Beton und verursache 800 Tonnen CO2, sagte der Naturschutzbundchef im März 2020 den SN. Eine "schonendere" Variante lehnten allerdings die betroffenen Grundbesitzer ab. Das Landesverwaltungsgericht urteilte im Mai 2020 und wies die Beschwerde des Naturschutzbundes als unbegründet ab. Die Stadt Hallein plante einen Baustart mit September 2020, doch der Naturschutzbund legte beim Verwaltungsgerichtshof in Wien Beschwerde ein.

"Unglück hätte größtenteils verhindert werden können"

Halleins Bürgermeister Alexander Stangassinger (SPÖ) sagte am Sonntag gegenüber den SN: "Es hat in den 1970er-Jahren ein ähnliches Ereignis gegeben. Es läuft hier auch ein Hochwasserschutzprojekt. Das ist gerade in Bau. Es hat sich leider durch verschiedene Einsprüche, auch von Umweltorganisationen, deutlich verzögert. Sonst wären wir hier schon viel weiter. Und möglicherweise wäre dieses Unglück viel glimpflicher verlaufen oder hätte größtenteils verhindert werden können."

Bürgermeister Alexander Stangassinger.  SN/Robert Ratzer
Bürgermeister Alexander Stangassinger.

Bürgermeister appelliert an Schaulustige, sich zurückzuziehen

Am Tag nach den Überflutungen sind die Feuerwehren aus Hallein und den benachbarten Orten weiter im Dauereinsatz, um Keller auszupumpen und die Schlammmassen zu beseitigen. Viele Bewohner stehen vor einem Trümmerhaufen, den Tränen nahe. Erste Schaulustige spazieren Richtung Salzach und in die Altstadt zum Kothbach, um die Wassermassen zu fotografieren, die nach wie vor mit großer Geschwindigkeit fließen. In der Halleiner Altstadt ist deutlich sichtbar, was sich in der Nacht abgespielt hat. Bürgermeister Alexander Stangassinger (SPÖ) appelliert, dass sich Schaulustige aus dem Katastrophengebiet zurückziehen sollen. "Die Einsatzkräfte arbeiten auf Hochtouren und sollen bei ihren Arbeiten nicht unnötig behindert werden."

Zivilschutzalarm aufrecht, Häuser in Gamp evakuiert

Der Zivilschutzalarm für die Stadt Hallein ist nach wie vor aufrecht, die Bevölkerung ist aufgefordert, Kellerräume und Tiefgaragen nicht zu betreten und sich von den Dämmen bei den Fließgewässern fernzuhalten. Auch im Halleiner Ortsteil Gamp müssen laut Katastrophenschutz mehrere Häuser aufgrund eines drohenden Hangrutschs evakuiert werden. Das Bundesheer wird die Helfer in Hallein unterstützen. Bürgermeister Stangassinger berichtet, dass in Gamp rund 30 Personen in Sicherheit gebracht worden seien, weil die Hangsituation nach wie vor eine große Gefahr für die Anrainer berge. Auch der Landeshauptmann ist mittlerweile in Hallein eingetroffen und befindet sich beim Einsatzstab vor Ort. Im Laufe des Nachmittags müsse man erneut mit starken Regenfällen rechnet, heißt es vom Bürgermeister.

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