Chronik

Trauerredner: Er muss die passenden Worte finden

Als Trauerredner packt Michael Mayr ganze Leben auf ein paar Seiten.

Seit zwei Jahren ist der Journalist Michael Mayr auch als Trauerredner tätig.  SN/robert ratzer
Seit zwei Jahren ist der Journalist Michael Mayr auch als Trauerredner tätig.

Schwarzer Anzug, graue Krawatte, weißes Hemd. Die Arbeitsbekleidung von Michael Mayr ist dem Anlass entsprechend würdevoll. Erfrischend wirken die Haare, die auf dem Kopf des gebürtigen Südtirolers zu Berge stehen.

Mayr ist Trauerredner und versucht in seiner Funktion, dem Leben der Verstorbenen auf ein paar Seiten gerecht zu werden. Der Weg zu diesem Beruf - für ihn die schönste und erfüllendste Aufgabe zugleich - führte den Salzburger über viele Stationen. Mayr hat Publizistik, Pädagogik und Soziologie studiert. Lange Jahre arbeitete er als Journalist bei "profil", "trend", "Salzburger Fenster" und "Wirtschaftsblatt". Heute macht er Öffentlichkeitsarbeit, veranstaltet Medienworkshops und hält eben Trauerreden.

Der wohl größte Einschnitt in seinem Leben erfolgte 2005. Damals starb seine Frau mit 40 Jahren an einer Krebserkrankung. Die Söhne waren damals 9 und 13 Jahre alt. "Ein Moment, in dem man nur noch funktioniert, für die Kinder da ist, seinen Job macht." Neun Jahre später kam der nächste Einschnitt. Das "Wirtschaftsblatt" wurde eingestellt. Diesmal funktionierte Mayr nicht einfach weiter, sondern hielt inne und reflektierte. Bei einem Test im Rahmen eines Berufscoachings kam heraus, dass er mit seinen Talenten für die Profession des Trauerredners prädestiniert ist.

"Ich war verwundert. Hätte mir das jemand ein paar Jahre zuvor gesagt, hätte ich ihn für verrückt erklärt." Doch Mayr überlegte, fand Gefallen an dem Gedanken und machte Nägel mit Köpfen. Er nahm Rhetorik-Kurse und Schauspielunterricht. "Damit man weiß, wie man sich im Moment des Abschieds passend präsentiert."

Inzwischen hat Mayr eine Reihe an Trauerreden gehalten und dabei versucht, die verschiedensten Lebenswege und Schicksale in die passenden Worte zu kleiden. Dabei spricht er von den Verstorbenen "nicht in Moll, sondern immer in Dur". Wichtig ist ihm das Gespräch mit den Hinterbliebenen an dem Ort, an dem der Verstorbene zuletzt gelebt hat. Meist würden die Angehörigen nach ein paar Fragen vor Geschichten und Anekdoten über den Verstorbenen sprudeln.

Durchschnittlich fünfzehn Stunden Arbeit steckt Mayr in eine Trauerrede. Dabei gebe es durchaus Parallelen zum klassischen Journalismus. "Man recherchiert, sammelt O-Töne, Fakten und fügt das zu einer Geschichte zusammen." Seine Dienstleistung hat ihren Preis: Mayr dazu: "Ich gehöre sicher zu den teureren Trauerrednern."

Den Umstieg vom Pressegeschäft zum Trauerredner hat Mayr nie bereut. Zum einen, weil es ohnehin Journalismus der besonderen Art ist, zum anderen, weil er dadurch an Lebensqualität gewonnen habe. "Ich bin nicht mehr der Getriebene. Ich habe Zeit, fühle mich rundum fit und gesund." Für sein eigenes Ende hat Mayr zwei Wünsche: "Zum einen, dass ich sterben darf und nicht sterben muss. Zum anderen, dass auch jemand auf mich eine Trauerrede hält."

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