Schattenorte

Als in Thalgau Hunderte Bücher brannten

Zur Wintersonnwende im Jahr 1938 wurden in Thalgau 800 Bücher ins Feuer geworfen. Ein Chronist forscht bis heute nach dunklen Kapiteln seiner Heimat.

Eine Aufnahme von der Thalgauer Hitlerjugend.  SN/iglhauser
Eine Aufnahme von der Thalgauer Hitlerjugend.

Ein Gasthaus mit Biergarten hieß die Leute willkommen. Ein Schießstand lud zum Zeitvertreib. Und Vereine feierten auf der sogenannten Festwiese im Flachgauer Ort Thalgau. Der Schörghubbühel nördlich des Ortszentrums war ein Platz der Zusammenkunft. Doch zur Wintersonnwende am 21. Dezember 1938 wurde auf dem Hügel wertvolles Kulturgut vernichtet. Mehr als 800 Bücher aus der Gemeindebibliothek wurden von Abordnungen der Schutzstaffel (SS), der Hitlerjugend und der Sturmabteilung verbrannt. Initiiert wurde das Ereignis von dem damaligen Oberlehrer und bekennenden Nationalsozialisten Alois Behensky. Dies war neben dem Fanal am 30. April 1938 auf dem Salzburger Residenzplatz die zweite groß angelegte öffentliche Bücherverbrennung auf dem heutigen Gebiet Österreichs.

Wie viele Thalgauer teilgenommen haben, ist nicht überliefert. Der damalige SS-Führer Hans Hasenschwandtner hielt fest: "Obwohl es sehr kalt war, hatten sich zahlreiche Parteimitglieder und alle Verbände am Dorfplatz eingefunden und mit Fackeln marschierten wir zum Schörghubbühel." Heute ist von dem Platz nichts mehr übrig. Der Hügel wurde in den 1950er-Jahren abgetragen und nun verläuft dort die Westautobahn.

Empfang für Hitler: "Thalgau war an dem Tag wie ausgestorben"

Der Lokalchronist und ehemalige Pädagoge Bernhard Iglhauser hat in einem umfangreichen Band die Geschichte Thalgaus von 1914 bis 1945 aufgearbeitet. Zehn Jahre lang führte er Gespräche mit Zeitzeugen und Akteuren aus der NS-Zeit. Zu Beginn wollten viele nicht über die Ereignisse sprechen, wie er sagt: "Die ersten fünf Jahre wurde ich belogen und betrogen. Erst als ich Fotos vorgelegt oder sie mit Aussagen von anderen konfrontiert habe, sind einige mit der Wahrheit herausgerückt." So etwa, wenn es um den Empfang Adolf Hitlers in Salzburg am 6. April 1938 ging: "Zuerst hieß es, dass niemand aus Thalgau dabei gewesen sei", sagt Iglhauser. Doch dann habe er eine Fotografie entdeckt, die Hunderte Bürger auf dem Thalgauer Bahnhof zeigt, wartend auf den Sonderzug nach Salzburg. Darauf hätten ihm mehrere bestätigt: "Thalgau war an dem Tag wie ausgestorben", weil "alle nach Salzburg gefahren sind".

Am 6. April 1938 fuhren etwa 200 Personen aus Thalgau mit dem Sonderzug nach Salzburg, um Adolf Hitler und Heinrich Himmler auf dem Residenzplatz zu begrüßen.  SN/iglhauser
Am 6. April 1938 fuhren etwa 200 Personen aus Thalgau mit dem Sonderzug nach Salzburg, um Adolf Hitler und Heinrich Himmler auf dem Residenzplatz zu begrüßen.

Dabei habe es die NSDAP in dem Ort mit damals 2000 Einwohnern schwer gehabt, schildert der Chronist. "Thalgau war eine christlich geprägte Gemeinde. Die Macht des Dechants war groß." Getragen wurde die NS-Partei vom bürgerlichen Lager, führende Kräfte waren verarmte Händler. "Die wirtschaftliche Lage in den 1930er-Jahren war schwierig", sagt Iglhauser. Es sei ihm wichtig gewesen, auch die Zeit vor 1938 darzulegen, um zu veranschaulichen, was viele Menschen in den Nationalsozialismus getrieben habe.

Bücher verbrennen heißt "Gedächtnisvernichtung"

Bei der Bücherverbrennung in Thalgau ist beinahe der gesamte Bestand der Ortsbibliothek vernichtet worden. Doch was heißt das für die Gesellschaft, wenn Buchseiten brennen? "Das bedeutet Gedächtnisvernichtung", sagt der Germanist Karl Müller. "Ohne Bücher wären wir eine erinnerungslose Gesellschaft, mit der man alles machen kann." Bis heute werden Werke verbrannt, etwa in der Türkei, Afghanistan oder Polen. "Bei allen Bewegungen, die den Anspruch erheben, alle Lebensbereiche neu auszurichten, wird es gefährlich", warnt Müller. Umso wichtiger sei es, wiederholt daran zu erinnern.

Germanist Karl Müller beschäftigt sich seit Jahren mit der Salzburger Bücherverbrennung. SN/privat
Germanist Karl Müller beschäftigt sich seit Jahren mit der Salzburger Bücherverbrennung.

NS-Geschichte in Thalgau umfassend aufgearbeitet

Für den Chronisten Bernhard Iglhauser ist die Geschichte der NS-Zeit in Thalgau beinahe restlos aufgearbeitet. Nur wenige Puzzleteile würden noch fehlen. Derzeit recherchiert der 70-Jährige über eine Thalgauerin, die eine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau überlebt hat.

Die dunklen Kapitel der eigenen Heimat aufzudecken sei "ein Ritt auf der Rasierklinge", wie Iglhauser sagt. Eine Woche nach Erscheinen seines Buchs habe er sich nicht in den Ort getraut. Dabei seien die Reaktionen durchwegs positiv gewesen. "Und mit einem Schlag war der Spuk der Aufarbeitung vorbei."

Bernhard Iglhauser, ehemaliger Pädagoge und Lokalchronist aus Thalgau. Seit einem Unfall im Jahr 2014 sitzt er im Rollstuhl. Zu forschen hat der 70-Jährige nicht aufgehört.  SN/franz neumayr - pressefoto neuma
Bernhard Iglhauser, ehemaliger Pädagoge und Lokalchronist aus Thalgau. Seit einem Unfall im Jahr 2014 sitzt er im Rollstuhl. Zu forschen hat der 70-Jährige nicht aufgehört.

Literatur zu diesem Beitrag:
Karl Müller, "Fort mit dem volksfremden ,Geistesgut"!" Zu einigen Aspekten von Kulturvernichtung - Versuch einer Einführung. In: Heimo Halbrainer, Gerald Lamprecht, Michaela Wolf (Hrsg.): "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Bücherverbrennungen in der Vergangenheit, Gegenwart und in der Erinnerung, Graz 2020, S. 45-64.

Bernhard Iglhauser: "Hut ab vor diesen Bekennern" - Thalgau 1914-1945. Selbstverlag, Thalgau 2008.

Schattenorte: Der Podcast über die dunkle Geschichte Salzburgs

In der neuen Serie "Schattenorte" beleuchten die SN-Redakteurinnen Anna Boschner und Simona Pinwinkler die dunkle Geschichte in Stadt und Land Salzburg. Immer montags erscheint eine neue Folge online auf ww.sn.at/podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.

Haben Sie Fragen oder Anregungen zu dieser Serie? Oder kennen Sie Schattenorte in Ihrer Heimat, die es zu beleuchten gilt? Dann schreiben Sie uns per Mail an podcast@sn.at.

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