Kultur

Warum ist das Kind nicht schön?

Die liebreizenden Frauen des Mittelalters spenden Müttern Hoffnung und Trost.

Hohe, fast glatzige Stirn und das Kinn so zurückgesetzt, dass das Gesicht schnabelartig erscheint: Ist das hübsch? Der Zweifel am Liebreiz des hochheiligen Jesuskindes sei vor allem bei einem Skulpturentypus gewagt, der "Schöne Madonna" heißt.

Noch augenfälliger als bei der Leoganger Schönen Madonna, deren Erwerb 1997 dem Ruhm des Bergbau- und Gotikmuseums einen Schub versetzt hat, ist das Unperfekte des Kindes bei einem Schwesterwerk: Die Schöne Madonna des Klosters Marienberg im Vintschgau hat offensichtlich ein Kind mit Downsyndrom. Dass das Aussehen des Kindes, vor allem das Gesicht, Symptome des Downsyndroms aufweist, hat der Bludenzer Kinderarzt Thomas Weggemann in einer 2021 erschienenen, im Leoganger Museum erhältlichen Broschüre über die Madonna im Kloster Marienberg bestätigt. Zudem schilderte der frühere Abt Stephan Pamer, dass seit je viele Mütter, die derart behinderte Kinder geboren gehabt hätten, zur Marienberger Madonna gepilgert seien. Der mündlichen Überlieferung nach, die sich allerdings durch kein Dokument beweisen lässt, soll der namentlich nicht bekannte Künstler selbst ein Kind mit Downsyndrom gehabt haben und seiner Frau zum Trost der steinernen Madonna ein gleiches Kind gegeben haben.

Auch in Leogang sei insbesondere 2003 anlässlich der Ausstellung "Maria - Licht im Mittelalter" die Frage aufgetaucht, "warum das Gesicht der Madonna so schön und das vom Kind weniger schön ist", berichtet Hermann Mayrhofer, Kustos des Bergbau- und Gotikmuseums in Leogang. Damals sei als eine Deutung erörtert worden, dass die hohe Stirn und die großen Ohren des Jesuskindes im Mittelalter als Zeichen der Weisheit gegolten hätten. Einer anderen Hypothese zufolge bewirke ein unhübsches Kind, "dass man alle Mütter tröstet, die nicht so schöne Kinder haben".

Dass die Schönheit des Kindes ein Thema der Volksfrömmigkeit sei, hätten ihm Museumsbesucher aus München erzählt: Demnach gilt das Kind der Madonna in der Münchner Augustinerkirche als besonders schön, berichtet Hermann Mayrhofer. Folglich seien Mütter mit ihren Neugeborenen hingepilgert und hätten ihr Baby die Skulptur berühren lassen, "in der Hoffnung, dass das eigene Kind auch so schön wird". Und wenn man in Bayern einer Mutter ein Kompliment für ihr Kind mache, dann lobe man es als "schön wie das Augustinerkindl".

Nicht nur die Zweifel an der Schönheit des Kindes, auch sonst gibt es Zeichen der Verwandtschaft von Leoganger und Marienberger Madonna. Beide sind aus der gleichen Zeit, beide möglicherweise aus Salzburg. Beide sind Steingüsse, beide sind aus Kalksandstein aus Breitenbrunn im Burgenland.

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