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Nordische Ski-WM 2019

"Operation Aderlass": Die Heim-WM erlebt ihren Albtraum

Es ist ein Szenario, das man nach den aufgearbeiteten Dopingfällen nicht für möglich gehalten hat: Zwei ÖSV-Langläufer wurden in Seefeld als Dopingsünder entlarvt und am Mittwoch verhaftet.

Polizei vor dem ÖSV-Quartier.  SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Polizei vor dem ÖSV-Quartier.

Strahlender Sonnenschein bei der nordischen Heim-WM in Seefeld, beste Stimmung und doch trügt die Idylle. Am Mittwochvormittag parkten Polizeiwagen vor dem ÖSV-Quartier, dem Hotel Bergland. Wenige Stunden später bestätigte das Bundeskriminalamt, es habe eine groß angelegte Polizeiaktion im Zusammenhang mit Doping gegeben, genannt "Operation Aderlass". Dem Büro zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität sei es gelungen, ein international tätiges Dopingnetzwerk zu zerschlagen.

Betroffen sind neben einem kasachischen und zwei estnischen Spitzensportlern auch zwei Langläufer der österreichischen Nationalmannschaft. Beide seien Polizeisportler, womit die Namen schnell auf Max Hauke und Dominik Baldauf fielen. Der seit Jahren von Dopingfällen verfolgte ÖSV-Langlaufchef Markus Gandler nannte die Namen des 26-jährigen Steirers und des 26-jährigen Vorarlbergers auch offiziell im TV.

Alle fünf WM-Athleten wurden festgenommen. Auch in der deutschen Stadt Erfurt gab es Festnahmen für einen Sportmediziner und dessen Komplizen. Insgesamt wurden 16 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Der Erfurter Arzt werde dringend verdächtigt, seit Jahren Blutdoping bei Spitzensportlern durchgeführt zu haben. Es handelt sich dabei im Übrigen um einen ehemaligen Mannschaftsarzt des Radteams Gerolsteiner. Er stand früher auch in Verbindung mit dem österreichischen Radprofi Bernhard Kohl, der ebenfalls des Dopings überführt wurde.

Gefinkelte Geheimkommunikation

Wie komplex das Netzwerk des Arztes war, verdeutlichen folgende Umstände: Der Mann soll in einer angemieteten Garage in Erfurt ein professionelles Dopinglabor mit Blutzentrifuge und Unmengen von Blutbeuteln aufgebaut haben. Mit seinen "Kunden" erfolgte die Kommunikation ausschließlich über internationale Telefonnummern, die kaum nachzuverfolgen waren.

Im Skiverband zeigte man sich zutiefst schockiert und beteuerte, man habe von den Dopingvergehen im Langlaufteam weder etwas gewusst noch etwas gemerkt. Das ÖSV-Duo hatte erst vor wenigen Tagen im Klassik-Teamsprint der WM einen sechsten Rang eingelaufen. Hauke hätte am Mittwoch auch im 15-Kilometer-Rennen starten sollen, wenige Stunden zuvor wurde er in einem Seefelder Hotelzimmer verhaftet und zur Vernahme nach Innsbruck mitgenommen.

Dort erklärte Hansjörg Mayr, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck, in einer Pressekonferenz: "Es besteht der dringende Verdachts des Dopings. Wir haben konkrete Hinweise erhalten und Observationen durchgeführt. Diese Überwachungsmaßnahmen haben den Verdacht bestätigt." Und die Staatsanwaltschaft verriet, dass der Ausgangspunkt der Ermittlungen eine Zeugenaussage eines Ex-Langläufers gewesen sei. Der öffentlich nicht genannte Name: Johannes Dürr, in Ungnade gefallener ÖSV-Athlet und selbst überführter Dopingsünder. Er hatte vor Kurzem mit einer Dopingreportage in der ARD für Aufsehen gesorgt, damals aber keine Mittelsmänner genannt. Das hat er nun kurz vor Beginn der WM bei einer Einvernahme der Staatsanwaltschaft nachgeholt.

Dopingzentrum im Hotelzimmer

Über den 40-jährigen Sportmediziner aus Erfurt und dessen zwei Komplizen (darunter auch der Vater des Arztes) sei man auf die inzwischen verhafteten WM-Langläufer gestoßen. Der deutsche Arzt soll für die WM extra nach Seefeld gereist sein und dort zwei Zimmer angemietet haben - eines als Unterkunft, eines zur Verabreichung des Blutdopings. Die betroffenen Athleten sollen sich dort vor und nach den Bewerben eingefunden haben. Nach den Bewerben, um den Erfolg des Dopings zu kontrollieren.

"Es ist uns sogar gelungen, einen Sportler auf frischer Tat zu ertappen, noch mit der Bluttransfusion im Arm, als er die Tür öffnete", erklärte Dieter Csefan vom Bundeskriminalamt. Insgesamt seien 120 Personen bei den Einsätzen in Seefeld und Erfurt beteiligt gewesen. Man kenne den Haupttäter, der mit seinem Netzwerk seit mindestens fünf Jahren Doping organisiert haben soll, und die betroffenen Langläufer. "Und wir schließen nicht aus, dass noch andere Sportler oder Sportarten betroffen sind."

Vorerst ziehen bei der Sonnen-WM in Seefeld die dunklen Wolken also nicht ab. Für die nordische Heim-WM ein wahrer Albtraum.

Aufgerufen am 20.10.2020 um 08:39 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/nordische-ski-wm-2019/operation-aderlass-die-heim-wm-erlebt-ihren-albtraum-66449668

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