Wirtschaft

Arbeitswelt: Es ist eine gute Zeit für einen neuen Job

Die Arbeit an den Nagel hängen, einfach so? Dem Stillstand in der Coronakrise folgt der Aufschwung mit sprudelnden Jobchancen.

Nach der Krise wird es wieder mehr Chancen zum Jobwechsel geben. SN/adobe stock
Nach der Krise wird es wieder mehr Chancen zum Jobwechsel geben.

Seit fast einem Jahr macht in den USA das Phänomen der "Great Resignation" die Runde. Massenweise würden die Menschen ihre Jobs kündigen, wird berichtet. Allein vergangenen November haben laut US-Arbeitsmarktservice 4,5 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz aufgegeben. Der Generalsekretär der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Guy Ryder, prägte vor wenigen Tagen den Begriff der "Covid-Klarheit". Die Menschen seien sich in der Pandemie klar darüber geworden, dass ihre Arbeit nicht ihre Erwartungen erfülle oder sie nicht die gewünschte Anerkennung bekämen, sagte er.

Geben jetzt tatsächlich so viele auf, schmeißen ihre Jobs einfach so hin? "Tun sie nicht", sagt Österreichs AMS-Chef Johannes Kopf. "Die Menschen in den USA resignieren ja nicht, wie der Begriff fälschlicherweise suggeriert. Das ist kein Massenexodus, sie suchen sich bessere Jobs." Und dafür sei die Zeit des neuen Aufschwungs gerade eine sehr gute Gelegenheit. In den USA seien Kündigungen durch Dienstnehmer allerdings schon vor Corona keine Seltenheit gewesen, "die lagen immer bei zwei Prozent", sagt Kopf. In der Coronakrise sei der Wert auf 1,2 Prozent zurückgegangen, dass er jetzt auf drei Prozent gestiegen sei, habe mit einem krisenbedingten Nachholeffekt zu tun. Und eben dem Wirtschaftsaufschwung. "Eine bessere Konjunktur erzeugt mehr Jobchancen und damit auch mehr Dynamik und Wechsel auf dem Arbeitsmarkt."

Kopf: "2022 wird das Jahr der Arbeitnehmer"

Auch in Österreich wird das heuer sichtbar werden. Aktuell hat das AMS 105.000 offene Stellen zur Besetzung ausgeschrieben, das sind doppelt so viele wie vor einem Jahr. "Der Markt dreht sich, 2022 wird das Jahr der Arbeitnehmer", sagt der AMS-Chef. Das Wifo gehe derzeit immer noch von einem Wirtschaftswachstum von fünf Prozent aus, damit werde es überall Arbeitskräftebedarf und -mangel geben - und viele Jobchancen.

Ein Phänomen wie die "Great Resignation", also einen krassen Anstieg an Kündigungen, sehe man in Österreich zwar nicht, sagt Kopf, "aber etwas ziemlich Ähnliches". So lagen die Kündigungen durch Dienstnehmer in den Jahren 2014 bis 2016, als die Wirtschaftskrise noch zu spüren war, bei rund 150.000 pro Jahr. Ab 2017, als der Aufschwung spürbar wurde, stieg die Zahl der Kündigungen durch Arbeitnehmer auf 190.000. 2020, im ersten Coronajahr, ist sie auf 130.000 gesunken. 2021 sei die Zahl bis Oktober wieder auf 153.000 gestiegen, erklärt Kopf. "Das zeigt, dass die Leute in der Krise ihre Jobs behalten, geht es aufwärts, steigt auch die Bereitschaft, den Job aus eigenem Antrieb zu wechseln." Dass einzelne Umfragen zuletzt zu dem Schluss kamen, dass sich jeder und jede Zweite vorstellen kann, den Job zu wechseln, hält Kopf für überzogen. "Jeder kann sich vorstellen, den Job zu wechseln, wenn er woanders einen gleich schönen mit einem Drittel mehr Geld hat." Ein Jobwechsel sei immer auch eine Frage der Bedingungen.

Rückkehrboni und höhere Löhne

Hier dürfte heuer einiges zu erwarten sein. Erste Rückkehrboni werden von Firmen bereits ausgelobt. "Die Unternehmen werden sich nicht nur um mehr Attraktivität bemühen, sondern da und dort auch höhere Löhne zahlen", sagt Kopf. Wobei fünf bis zehn Prozent mehr Lohn die Bereitschaft zum Jobwechsel noch nicht erhöhten, "bei 20 Prozent sieht es anders aus". Das Abwerben innerhalb der Branchen werde vor allem von Klein auf Groß passieren, "das Gewerbe bildet aus, die Industrie übernimmt".

Wird das Loch an Fachkräften also noch größer werden, werden die Klagen über fehlende Arbeitskräfte noch lauter? "In der Phase des Aufschwungs werden Knappheiten überspitzt empfunden", sagt dazu Wifo-Arbeitsmarktexperte Helmut Mahringer. In der Krise habe es auch deutlich weniger Einstellungen gegeben, das müsse erst aufgeholt werden. "Wenn es besser geht, wollen alle gleichzeitig und mehr Stellen als normalerweise besetzen." Der Aufschwung könnte in bestimmten Branchen allerdings den Fachkräftemangel verschärfen, und das habe nicht immer nur mit Bezahlung zu tun, sagt Mahringer. "Aus den Daten sieht man es noch nicht, aber es könnte schon sein, dass sich die Menschen jetzt noch mehr umorientieren in Jobs mit besserer Work-Life-Balance und Arbeit, die sie selbst besser gestalten können." Betriebe, die sehr stark mit jungen Beschäftigten arbeiten, könnten in der Rekrutierung größere Probleme bekommen.

Andererseits könnte man auch ältere Mitarbeiter vielleicht mehr schätzen. "Die Strategie, sich möglichst früh von den Älteren zu trennen, könnte überdacht werden." Das gehe aber nicht ohne gesundheitliche Komponente. "Österreich ist bei den gesunden Lebensjahren nicht gerade super im internationalen Vergleich", sagt Mahringer. Wolle man Menschen länger im Beruf halten, dürfe man nicht nur an den Arbeitskräften herumdoktern.

Wann ist es genug mit der Kurzarbeit?

136.995 Menschen sind in Österreich aktuell in Kurzarbeit (Stand 18. 1.), "da sind wir jetzt wieder auf absolut hohen Zahlen", sagt AMS-Chef Johannes Kopf. Vor der vierten Coronawelle im Herbst waren es 90.000. Damals sei noch gut ein Drittel der Betriebe mit Kurzarbeit, etwa der Flughafen oder Kongresshotels, direkt von Corona betroffen gewesen, sagt Kopf. Ein weiteres Drittel habe Lieferprobleme gehabt, das letzte Drittel "ist mit guten Steuerberatern draufgekommen, dass sich mit Kurzarbeit Auslastungsschwankungen abfedern lassen", sagt Kopf. Das sei halt "die Nebenwirkung eines derzeit noch notwendigen Medikaments". Nach Ablauf der Verlängerung im März bzw. Juni "ist es aus meiner Sicht dann auch gut mit der Corona-Kurzarbeit", sagt Kopf. Apropos Krise: Im Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 waren in Österreich 60.000 Beschäftigte in Kurzarbeit.

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