ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZÄÖÜ

Lernen ist ein mühsamer Prozess. Spielerisches Lernen gibt es, leider, nicht. Außer beim Erlernen der Buchstaben.

Autorenbild
Barazon Ronald Barazon

Dass viele, zu viele Zehnjährige nicht sinnerfassend lesen können, ist ein Dauerthema in der Bildungspolitik. Erstaunlich ist, dass wenig nach den Ursachen gefragt wird.

Kleiner Ausflug in die Logik: Wenn Zehnjährige nicht lesen können, muss vorher etwas schiefgelaufen sein. Also sollte man sich ansehen, was vorher geschieht.

Stattdessen will man die 10- bis 14-Jährigen in eine Einheitsschule pressen, wodurch die bestehenden Probleme nicht gelöst werden und neue hinzukommen.

Vorher geschieht die Volksschule, die eine wunderbare Einrichtung wäre. Hier sind alle Kinder in einer Gesamtschule und könnten sich je nach ihren Neigungen und Fähigkeiten entfalten. Dabei würden ihnen wunderbare Lehrerinnen und Lehrer helfen. Das geschieht nicht, weil die Volksschule durch die Politik zur Fortsetzung des Kindergartens degradiert wird. Womit man aber noch nicht bei des Übels Wurzel angelangt ist. Diese ist noch eine Etappe vorher angesiedelt. Bei den Eltern.

Eltern lieben ihre Kinder, meistens, und wollen für sie nur das Beste. Also tun Eltern alles, damit die Kinder Kinder sein können, ihre Kindheit genießen mögen und lange vor den künftigen Mühen des Lebens bewahrt bleiben. In dieses von den Eltern definierte Kindsein passt alles, nur nichts, das mit Schule und Lernen in Verbindung gebracht werden könnte.

Mögen die Kleinen täglich vor dem Fernseher sitzen, Stunden vor einer Spielkonsole verbringen, vielleicht sogar einen Spielplatz bevölkern. Wenn die Sprösslinge älter sind, werden sie unter Druck gesetzt - um vom Gitarrenunterricht zur Bastelstunde oder gar auf einen Pferderücken zu hetzen.

Aber eines wird tunlichst vermieden: Das Lernen des Alphabets. Dabei ist das Lernen des Alphabets der einzige Bereich, der tatsächlich spielerisch erfolgen kann und das schon sehr früh. Das ist ein B, fang den Ball. Schau ein Auto auf dem Plakat, ein A.

Psychologen und Gehirnforscher erklären, dass Kinder erst mit fünf oder sechs die Voraussetzungen haben, um tatsächlich lesen zu können. Mag sein. Aber Buchstaben, einfache Wörter wie AUTO oder HUND zu erkennen ist wie Bilder erkennen. Und hilft.

Niemand, der liest, liest Buchstabe um Buchstabe. Man erkennt ein Wort, weil es vertraut ist, und oft irrt man sich, weil ein Wortbild einem anderen gleicht und zur Verwechslung verleitet. Warum sollen die Kinder nicht für eine kleine, aber ständig wachsende Zahl von Wörtern diese Eigenschaft entwickeln und sich dann beim "richtigen" Lesen leichter tun?

Weil sie durch die schreckliche Übung, die ihnen die Welt öffnet und das Leben erleichtert, weniger Kind sind?

Aufgerufen am 19.09.2018 um 01:30 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/abcdefghijklmnopqrstuvwxyzaeoeue-588331

Schlagzeilen