Amerika altert und leidet unter fortschreitender Euro-Sklerose

Liberalismus und Zuwanderung haben die USA groß gemacht. Trump steht für Protektionismus und geschlossene Grenzen.

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Barazon | Nationale und internationale Politik und Wirtschaft Ronald Barazon

Was hat Amerika groß gemacht? Die Zuwanderung jener Menschen, die den Mut hatten, die Enge Europas zu verlassen und neu zu beginnen. Frei von autoritären Zwängen, die jede Entfaltung behindert hatten. Der Liberalismus in seiner besten Form, nicht der Liberalismus, der mit erfundenen Milliarden jongliert, sondern jener Liberalismus, der Leistung belohnt, bildete das Geheimnis des Erfolgs.

Diesen Geist hat Barack Obama im Präsidenten-Wahlkampf 2008 angesprochen: Yes, we can. Aber der Geist erwies sich als schwach. 2009 und 2010 kam es nicht zu einer raschen, wunderbaren Erneuerung, die USA mussten vorerst die im September 2008 ausgebrochene Finanzkrise bewältigen. Die Bürger waren enttäuscht, 2010 verloren die Demokraten die Mehrheit im Kongress und der demokratische Präsident musste jede Maßnahme gegen die Opposition der Republikaner durchsetzen.

Da nützte ihm auch nicht, dass die Arbeitslosigkeit von zehn Prozent 2009 kontinuierlich auf fünf Prozent zurückging. 2014 eroberten die Republikaner auch die Mehrheit im Senat und Obama wurde zur "lahmen Ente".

Im Jänner übernimmt der Republikaner Donald Trump die Präsidentschaft und hat bereits zwei klare Ziele definiert: Die bestehenden, von Obama forcierten Freihandelsabkommen werden gekündigt, neue nicht abgeschlossen. Und: Die Zuwanderung, die Obama erleichtern wollte, wird drastisch eingeschränkt. Die zwei Erfolgsrezepte der USA, Zuwanderung und Liberalismus, gelten nicht mehr. Geschlossene Grenzen und Protektionismus sind angesagt. Die USA auf dem Weg in die Erstarrung.

Ein Rückblick: 1777 verließ der Demokrat und Liberale Lafayette Frankreich und nahm am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teil. Bis heute wird er als Held der Befreiung von der britischen Herrschaft gefeiert. Nach Europa zurückgekehrt, wurde Lafayette zum Motor der Französischen Revolution, die dem alten Kontinent die Demokratie bringen sollte.

Es dauerte aber nicht lang und Europa versank im unerträglichen Neoabsolutismus des 19. Jahrhunderts. Von Liberté, Égalité, Fraternité war wenig zu spüren. Auch die Revolution des Jahres 1848 änderte nicht viel. Man musste bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts warten, um jenes freie, aufstrebende Europa zu erleben, das Lafayette gemeint hatte.

Von dieser glücklichen Phase ist nur mehr wenig zu spüren. Ein europäisches Land nach dem anderen schottet sich ab, mit unsinnigen Vorschriften wie zu Kaisers Zeiten werden die Bürger von der Obrigkeit in Schach gehalten, eine allgemeine Lähmung macht sich breit.

Der alte Kontinent erstarrt in einer Art Euro-Sklerose und die Krankheit erfasst zusehends auch das nicht mehr so junge Amerika.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 02:17 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/amerika-altert-und-leidet-unter-fortschreitender-euro-sklerose-859213

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