Der liebenswürdige, hilfreiche Spitzel am Schreibtisch nebenan

Gesetze und sonstige staatliche Regeln sollten das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft erleichtern. Sollten.

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Barazon Ronald Barazon

Zu den leider nicht wenigen unangenehmen Eigenschaften vieler Menschen gehört die Neigung, andere zu unterdrücken. Rückt einer oder eine in der Hierarchie auf und hat in der Folge Untergebene, schwillt nicht selten der Kamm der Überheblichkeit. Es dauert oft lang, bis die Einsicht reift, dass Vorgesetzte Dienstleister für ihre Schutzbefohlenen sind. Meist wird dieser Zustand nie erreicht.

Eine besondere Ausprägung erfährt dieses Verhalten, wenn Mitarbeiter in Unternehmen, Ämtern oder sonstigen Institutionen sich bei Regeln, Vorschriften, Normen und anderen Raffinessen der staatlichen Regulierungswut besonders gut auskennen.

Diese Experten müssen nicht einmal besonders hoch in der Hierarchie sein, es genügt ein tatsächliches oder vermeintliches Wissen, und diese Personen werden zu Terroristen.

Sie warnen ständig vor den schrecklichen Folgen eines möglichen Fehlverhaltens, statt den Kollegen bei der Bewältigung der oft unsinnigen Regeln zu helfen.

Diese Phänomene sind so alt wie die staatlichen Regeln. Unserem Zeitalter blieb es vorbehalten, eine raffinierte Verfeinerung dieses Grundmusters menschlichen Verhaltens zu erfinden. Der Regulierungseifer hat vor allem in Europa ungeahnte Dimensionen erreicht, sodass man von einer Diktatur der Bürokratie sprechen muss.

Das genügt den von der Politik unterstützten Bürokraten nicht. Sie haben eine Figur erfunden, die den englischen Namen Compliance Officer trägt und in immer mehr Institutionen installiert werden muss.

Der in etwa mit "Einhaltungskontrollor" zu übersetzende Begriff macht die beschriebenen Besserwisser zu staatlich geschützten und somit mächtigen Damen und Herren. Sie wachen über die Einhaltung der Vorschriften und können sich als Wohltäter darstellen: "Würden wir dich, lieber Kollege, liebe Kollegin, nicht vor Fehlern schützen, dann ereilen dich selbst und auch die Firma ruinöse Strafen!"

Danke, danke, lieber Compliance Officer!

Die Konstruktion ist bewundernswert. In den üblichen Diktaturen werden in die verschiedenen Institutionen verdeckte Spitzel eingeschleust, die der Obrigkeit über die subversiven Aktivitäten aufmüpfiger Bürger berichten. In der Diktatur der Bürokratie wird per Gesetz der Spitzel vorgeschrieben und zum unverzichtbaren, wertvollen Führer durch den Dschungel der Vorschriften hochstilisiert.

So entsteht ein System, in dem alle nur danach trachten, keine Regeln zu verletzen und froh sind, wenn die Einzelnen wie die Firmen keine existenzbedrohenden Strafen treffen. Uff! Dass die meisten dieser Regeln beseitigt gehören, tritt vollends in den Hintergrund.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 10:57 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/der-liebenswuerdige-hilfreiche-spitzel-am-schreibtisch-nebenan-17132887

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