Der Traum der alternden Amerikaner erstarrt im Eigenheim

Amerika wird Europa immer ähnlicher. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten behindert sich selbst.

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Barazon Ronald Barazon

Wo bleibt der American Dream? Die Zeiten, da man sein Haus huckepack auf einen Lkw lud und Tausende Kilometer weiter eine neue Existenz gründete, gehören der Vergangenheit an. In den Siebzigerjahren wechselten 20 Prozent der Bevölkerung in einem Jahr die Adresse, 2016 waren es nur mehr 11,2 Prozent. Die Amerikaner sind sesshaft geworden.

Eine Ursache ist der Umstand, dass immer mehr Häuser solide gebaut werden und die Bewohner ihre Burgen ungern verlassen. Die Botschaft aus Walt Disneys "Drei kleine Schweinchen" ist angekommen: Nur Schweinchen Schlau baute ein Ziegelhaus, das der Wolf nicht wegblasen konnte. Fiedler und Pfeifer mussten bei Bruder Schlau Zuflucht suchen.

Kein Vorteil ohne Nachteil. Der Effekt ist der Verlust an Mobilität. Es ist für den Amerikaner nicht mehr selbstverständlich, dem attraktiven Job nachzureisen, auf den Reifen für die inte ressanteren Firmen abzustimmen.

Die Amerikaner sind zudem älter geworden: In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vo rigen Jahrhunderts waren die US-Bürger im Schnitt achtundzwanzig Jahre alt. Heute liegt der Durchschnittswert bei achtunddreißig. Ältere Menschen sind weniger mobil.

Durch das Internet, durch Industrie 4.0, durch den 3D-Drucker, durch die Globalisierung entwickelt sich ausnahmslos jeder Bereich im Zeichen des totalen Wandels. Die Einzelnen sind ständig und überall mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Herausforderungen, die viele nicht annehmen wollen.

Donald Trump erklärt, er werde "Amerika wieder groß machen", eine Ansage, die im ersten Moment nicht verständlich ist. Die USA dominieren die Weltwirtschaft, sind führend bei Innovationen und haben eine Arbeitslosigkeit von weniger als fünf Prozent. Wie groß muss Amerika noch werden?

Trumps Botschaft richtet sich nicht an die Erfolgsträger in den USA. Die Adressaten sind die träge Gewordenen und die Verlierer, die von der Vergangenheit träumen, als noch jedes Haushaltsgerät aus den USA kam, ein Arbeiter am Fließband bei General Motors stolz sein konnte und man den Rest der Welt nicht beachten musste. Die Rückkehr zu diesem Amerika gaukelt Trump seinen Wählern vor.

Auch der böse, böse Wolf hat wieder seine Rolle. Das gute Leben wird durch die Ausländer gefährdet, die die lockeren Türen der lächerlichen Behausungen von Fiedler und Pfeifer niederrennen. Aber im festen Backsteinbau von Schweinchen Schlau, hinter einer Mauer, geschützt durch allmächtige Grenzbeamte fühlen sich die 321 Millionen Nachkommen von Zuwanderern sicher vor Eindringlingen. Die drei Millionen Ureinwohner sind im Westen, der nicht mehr wild ist, keine Bedrohung.

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