Die Agrar-Herrschaftskaste unterjocht die aktiven Bauern

Die Verteilung der Fördergelder aus der EU und aus Österreich erweist sich als übles Machtinstrument.

Autorenbild
Barazon | Nationale und internationale Politik und Wirtschaft Ronald Barazon

Am Montag haben die Mächtigen der Landwirtschaft die Maske fallen lassen. Eine Gruppe von Vertretern der agrarischen Herrschaftskaste stellte die Weichen für die Vernichtung der Organisation "Genussregion Österreich".

Die Methode: Ein Gremium, das sich mit der Verteilung von Fördergeldern befasst, empfahl dem Landwirtschaftsminister, die "Genussregion" nicht zu berücksichtigen. Stattdessen soll eine Vorfeldeinrichtung der Landwirtschaftskammern die Gelder bekommen und sich um die betroffenen Bauern kümmern.

"Genussregion Österreich" ist die nachgewiesen erfolgreichste Marke im landwirtschaftlichen Bereich, wird von den großen Einzelhandelsketten als Partner anerkannt und erzielt auch ein breites Medienecho. Mehr als hundert Regionen sind als "Genussregionen" definiert, die teilnehmenden Bauern unterwerfen sich strengen Qualitätskriterien. Werden diese verletzt, verliert man den Status als "Genussregion". Die regionalen landwirtschaftlichen Produkte bekommen auf diese Weise einen hohen Stellenwert.

Warum wird diese Einrichtung sabotiert? Etwa, weil sich die Vertreter der Genussregionen nicht dem Diktat der herrschenden Politiker, Funktionäre und Beamten beugen?

Der Verdacht liegt nahe. Die Macht der Nomenklatura wird durch zahlreiche Institutionen ermöglicht, die den Bauern nützen sollten, aber stark mit sich selbst beschäftigt sind.

Das Netzwerk ist eindrucksvoll, man könnte glauben, Österreich sei vor allem ein Agrarland: das Landwirtschaftsministerium, neun Landwirtschaftskammern, zahllose Bezirksbauernkammern, Agrarlandesräte in den Bundesländern, Lagerhäuser, die Agrarmarkt Austria und andere vorgelagerte Einrichtungen, die alle in enger Kooperation mit der EU-Agrarpolitik agieren und zumeist von Funktionären des ÖVP-Bauernbundes besetzt sind. Ein gigantisches System, dessen Erhalt laufend Millionen verschlingt. Wofür?

Für rund 160.000 Bauernhöfe, davon nur 60.000 Vollerwerbsbetriebe. Für etwa drei Prozent der Bevölkerung. Für 1,4 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Mit dem traurigen Ergebnis, dass die Lieferanten der wichtigsten Produkte, der Lebens-Mittel, trotz öffentlicher Zuwendungen in Milliardenhöhe unbefriedigende Einkommen haben.

Da ist es unendlich peinlich, wenn in mehr als hundert Regionen des Bundesgebiets initiative Bauern aktiv werden und im Rahmen der "Genussregionen" ihre Leistungen zeigen und ihre ausgezeichneten Produkte vermarkten, also eigenständig jene Maßnahmen setzen, für die das "System" zuständig wäre.

Diese Störenfriede sollen in einer Organisation der Kammer die Friedhofsruhe üben.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 08:24 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/die-agrar-herrschaftskaste-unterjocht-die-aktiven-bauern-958015

Schlagzeilen