Die Masse - ein überwundenes Phänomen meldet sich zurück

In diesen Tagen wird viel gelesen. Leider muss man nach Büchern greifen, die überholt schienen, aber erschreckend aktuell sind.

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Barazon Ronald Barazon

Der Begriff "Masse" beschäftigte jahrzehntelang die Geistesgrößen. Gustave Le Bon, der Wegbereiter der Soziologie, formulierte 1895 das "Gesetz der geistigen Einheit der Massen". Sigmund Freud folgte Le Bon 1921 mit "Massenpsychologie und Ich-Analyse". Ortega y Gasset wurde 1931 mit "Der Aufstand der Massen" berühmt.

Die Masse war das zentrale Thema der Politik: Der Sozialismus bewegte die Massen, um gegen die Unterdrückung durch die Kapitalisten anzukämpfen und bessere Lebensbedingungen zu erreichen. Ein Phänomen, das den Aristokraten Ortega y Gasset in Unruhe versetzte. Adolf Hitler studierte eifrig Le Bon und missbrauchte dessen scharfsinnige Analyse des Verhaltens der Massen, um seine Demagogie zu perfektionieren.

Elias Canetti veröffentlichte noch 1960 sein Hauptwerk "Masse und Macht", in dem er das Phänomen, das ihn Jahrzehnte erschüttert hatte, umfassend analysierte. In der Folge war der Begriff Masse vor allem in Kombinationswörtern wie "Massenmedien" anzutreffen.

Nach dem Untergang der autoritären Systeme - von der Monarchie über den Faschismus bis zum Nationalsozialismus - setzte sich in der freien Welt das eigenständige Individuum durch. Das moderne Individuum lässt sich nicht mehr zum Teil einer von Führern lenkbaren Masse degradieren. Das ändert sich. Der Begriff Masse wird weiterhin kaum gebraucht, aber das Phänomen kehrt zurück.

Der aktuelle Auslöser ist der Ärger über die sich dramatisch ändernden Verhältnisse. Die wohlig-gemütliche Bequemlichkeit der jüngsten Vergangenheit weicht neuen Herausforderungen, die nur in etwa vermutet werden. Für die Einzelnen ist nicht klar, wie sich die Zukunft entwickeln wird, ob man auf dem Arbeitsmarkt noch eine Chance hat. Auch die Pension ist ungewiss. Und im privaten Bereich wurden die traditionellen Strukturen von einem schwer zu bewältigenden Chaos abgelöst.

Unter diesen Umständen verlieren die Individuen ihre Eigenständigkeit. Die Gemeinsamkeit mit den vielen anderen, die von den aktuellen Entwicklungen überfordert sind, rückt in den Vordergrund und beginnt eine Masse entstehen zu lassen. Hundert Jahre alte Analysen werden wieder aktuell: Die Erfolge der Protestparteien, die undifferenziert "dagegen" sind, bilden die ersten Auswirkungen der neu entstehenden Massen.

Aber schon ist erkennbar, dass auch die Analysen des Autoritarismus von Max Weber über Erich Fromm bis zu Detlef Oesterreich an Aktualität gewinnen. Autoritäres Verhalten charakterisiert gleichermaßen die Bereitschaft der Masse, sich zu unterwerfen, wie die Lust der Führer, die Macht zu missbrauchen.

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