Die Verweigerung wird zur allgemeinen Verhaltensweise

Verlangsamung, Komplexität, Realität sind Codewörter, die eine bedenkliche Entwicklung auslösen.

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Barazon Ronald Barazon

Die Grünen waren die Ersten, die die Verweigerung zum Prinzip machten und damit den Zeitgeist trafen: zu viel Technik, zu viel von der Überzeugung, alles sei machbar, zu wenig Langsamkeit, zu wenig Lebensqualität, zu viel Druck. Das waren die Ingredienzen, die den Grünen zum Erfolg verhalfen und auch in allen anderen Parteien Berücksichtigung fanden.

Die Verlangsamung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts war nach den Jahrzehnten der forcierten Innovation in allen Bereichen verkraftbar. Jetzt ist aber paradoxerweise die Verweigerung die größte Behinderung bei der Bekämpfung des Klimawandels, also des wichtigsten Anliegens der Grünen.

Der neue Schlachtruf lautet: Komplexität. Von vielen Seiten wird erklärt, der Klimawandel ist ein Risiko, das so komplex ist, dass die traditionellen Methoden zur Bewältigung von technischen Herausforderungen nicht mehr herangezogen werden können. Diese Feststellung hat zur Folge, dass das Problem als unlösbar und schicksalhaft erlebt wird und die Klimapolitik sich in Ankündigungen erschöpft.

Es gab und gibt in keinem Bereich ein Wundermittel, das alle Schwierigkeiten aus der Welt schafft. Immer und überall ist eine Vielzahl von Maßnahmen erforderlich. Statt vor der vermeintlichen Unlösbarkeit zu erstarren, sollte man besser ein weltweites Aufforstungsprogramm umsetzen, den öffentlichen Verkehr ausbauen und die zur Verhüttelung der Landschaft gewordene Zersiedlung eindämmen. Die Unternehmen und die Privathaushalte wären zu zwingen, jene umweltfreundlichen Technologien anzuwenden, die effektiv und ohne Lügen brauchbar sind.

Die Verweigerung präsentiert sich auch in einer anderen Form. Manchen Denkern ist neuerdings die mühsame Beschäftigung mit der Problematik, was denn nun real sei, ein Gräuel. Man hat es satt, zu fragen, ob die beobachteten Phänomene den Tatsachen entsprächen, ob nicht ein Schein den Beobachter trüge, ob nicht mithilfe der Logik, der theoretischen und der experimentellen Physik und anderer Methoden den beobachteten Phänomenen eine trügerische Maske vom Gesicht gerissen werden müsse.

Auch diese Strömung hat ihren Schlachtruf: die Realität. Man begnügt sich mit den leicht fassbaren Gegebenheiten, schließlich brauche man doch zur Bewältigung des alltäglichen Lebens nicht mehr. Leider hat dieser vermeintlich harmlose Zugang den fatalen Effekt, dass die Vertreter dieser schlichten Denkweise ihre Meinungen als Wahrheit verteidigen und dazu neigen, kritische Denker, die den Dingen auf den Grund gehen, zu verteufeln.

Verlangsamung, Komplexität und Realität sind bedenkliche Codewörter.

Aufgerufen am 19.09.2018 um 12:57 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/die-verweigerung-wird-zur-allgemeinen-verhaltensweise-1165528

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