Facebook kann die Demokratie nicht retten. Leider.

Schimpfen in sozialen Netzen ersetzt kein aktives Engagement in der Politik. Nutznießer sind die Populisten.

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Barazon Ronald Barazon

Für empörte Bürger hat sich Facebook zu einem hilfreichen Instrument entwickelt. Ein Aufruf mobilisiert prompt zahllose "Freunde" und schon entsteht eine Massendemonstration, die den Mächtigen ihre Ohnmacht zeigt. Angesichts dieser für Revolutionäre vergangener Zeiten ungeahnten Möglichkeit scheint nun die Demokratie für immer gesichert. Diktatoren haben keine Chance mehr.

Die Realität sieht anders aus. Die Demokratie ist auf dem Rückzug. Die Zahl der rücksichtslos agierenden Machthaber steigt, wobei die neuen Diktatoren meist gewählt werden und ihre Politik als demokratisch legitimiert darstellen können. Damit nicht genug: Auch in funktionierenden Demokratien wird der Freiraum der Bürger durch eine überbordende Bürokratie immer deutlicher eingeengt.

Man könnte nun meinen, Facebook sei eben doch nur eine Spielwiese der Jugendlichen, die einander Fotos und Berichte von Partys senden und über den neuesten Liebeskummer klagen. Das Wort von der Spielwiese mag noch stimmen, doch heute nutzen alle Altersgruppen Facebook eifrig, um der Welt alles mitzuteilen, nicht zuletzt, welche köstlichen Speisen gerade konsumiert werden, wobei das weitere Schicksal der Menüs nicht immer verheimlicht wird.

Inmitten des Wusts von Selbstdarstellungen finden sich aber sehr wohl kritische Aussagen der Bürger, die tatsächlich Facebook als politisches Medium ausweisen. Die meisten Nutzer machen zwar nur bequem vom Sofa aus ihrem Unmut Luft, die Möglichkeit der Mobilisierung einer Massendemonstration ist aber gegeben.

Wieso rettet also Facebook nicht die Demokratie? Weil Unmutsäußerungen die Politik nicht ändern, wenn die Politiker unfähig sind, Probleme zu erkennen und Lösungen umzusetzen. Somit gilt für Facebook die gleiche Regel wie bei Wahlen: Es nützt nichts, Denkzettel zu verteilen, indem man eine Opposition stärkt, die auch keine Alternativen bietet, wenn die Regierung in der Hilflosigkeit gelähmt ist.

Mehr noch: Facebook ist eine Plattform, die den Protest verstärkt und somit den Populisten nützt, die nur "dagegen" sind und, einmal an der Macht, ihre Herrschaftsgelüste austoben. Damit nicht genug. In den Anfangsphasen der neuen Regime herrscht noch die Illusion vor, man sei in einer Demokratie und könne seine Meinung äußern. Facebook serviert in dieser Phase den neuen Diktatoren bequem die Adressen der Aufmüpfigen, die in der Folge leicht zu Staatsfeinden erklärt werden können.

Facebook bringt nur die fundamentale Schwäche der Demokratie zum Ausdruck: Jede und jeder weiß genau, was alles falsch läuft und wie man es besser machen könnte, aber kaum jemand ist bereit, sich tatsächlich aktiv politisch zu engagieren.

Aufgerufen am 12.11.2018 um 11:54 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/facebook-kann-die-demokratie-nicht-retten-leider-1148857

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