Belgien erfriert in französischer Kälte

Halbfinale eins: Die Aufhebung der Kunst durch eiskalte Nüchternheit.

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Matchplan 11/07 Bernhard Flieher

Didier Deschamps sagt: "Es ist etwas Außergewöhnliches." Deschamps, Trainer der Franzosen und vieles, aber bestimmt keine Philosoph auf der Bank, sagt große Worte. Er darf. Immerhin bekommt er als erst dritter Fußballer die Chance, als Trainer und Spieler Weltmeister zu werden. Der Ton, in dem er seine großen Worte sagt, klingt aber nicht euphorisch, sondern erinnert eher an einen Mann, der einfach nur davon redet, dass jeden Tag die Sonne aufgeht oder dass das Taxi gerade kommt, das er bestellt hat.

Ein paar Minuten vor diesen großen Worten, also ein paar Minuten vor Ende der Partie, steht der Deschamps vor der Trainerbank. Für uns Zuschauer sieht es draußen auf dem Feld noch so aus, als stehe alles auf des Messers Schneide. Es könnte noch etwas passieren, wie sooft noch etwas passiert ist in den Nachspielzeiten dieser WM. Deschamps glaubt das nicht. Also steht er dort und schaut so drein, als warte er auf einen Bus, von dem er ganz sicher ist, dass dieser Bus - streng nach Fahrplan - gleich halten wird. Mit dem Bus geht es dann zum Flugplatz. Dann ins Hotel. Und am Sonntag ist dann Finale. In diesem Moment, ein paar Minuten bevor dann auch wir Zuschauer und die Belgier per Schlusspfiff endgültig Gewissheit über den Ausgang des Spieles hatten, sieht man in Deschamps Gesicht nur Nüchternheit. Sie bestimmt sein Handeln. Gelassenheit könnte man auch im Gesicht lesen. Oder man sagt "ergebnisorientiert".

Vielleicht kann sich der Mann auch in letzten, knappen Minuten bloß gut verstellen, lässt sich nicht in sein wahres Gesicht schauen, das eh gern jubeln würde. Wahrscheinlicher aber ist es, dass er da schon wusste, dass er als genialer Spielverderber, als raffinierter Meister der Kälte und Kaltschnäuzigkeit ins Finale kommen wird. So spielte er auch damals, als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt. So spielt nun auch seine Mannschaft. In der Nachspielzeit verdichtet diese Mannschaft mit geschicktem Ballhalten, mit frühem Abblocken jeder belgischen Schlussanstrengung, was die Mannschaft zuvor 90 Minuten lang perfekt vorgezeigt hatte: Sie ist das Gesicht ihres Trainers, kaltschnäuzig, abgeklärt, gelassen, nüchtern noch in höchster Not (die selten aufkam). Effektivität bestimmt das Handeln. Man verlässt sich blind auf die anderen. Und keiner macht einen gröberen Schnitzer. Und dass Sturmspitze Olivier Giroud das Tor nicht trifft, ist nach vielen Spielen schon so etwas wie Gewohnheit. Das erledigen eh andere für ihn.

Mit dem Auftrag zur Nüchternheit, unterbrochen von Blitzaktionen, die wohl auch noch im größten Delirium blind ablaufen könnten, schickt Deschamps seine hochtalentierten, jungen Burschen in alle Spiele. Nur gegen Argentinien (erstaunlicherweise) waren sie bisher gezwungen, ihre Ruhe für ein paar Momente aufzugeben. Künstler sind sie, der Griezmann, der Mbappe, der Pogba, hinten der Lloris und sogar das Zweikampfmonster Kanté. Feines Gefühl. Genauer Blick. Konsequente Arbeit. Das alles packen sie aus. Und sie treffen in diesem Halbfinale auf ihre Spiegelbilder, auf De Bruyne, auf Hazard, auf Witsel, auf Lukaku. Die wollen deutlich mehr spielen als die Franzosen, aber die Franzosen spielen geschickter. Sie lassen eine Ruhestörung durch die Belgier gar nicht aufkommen. Dass die Belgier im Lauf der Partie den bisherigen Charme ihrer Angriffe einbüßten, dass sie sich - teils erzwungen von Frankreich, teils selbst verschuldet - durch viele kleine Fehler selbst umbrachten, dass sie so ihre Ordnung verloren, machte die Kälte der Franzosen umso schlimmer.

Von außen betrachtet ist Frankreich also schuldig eines Spiels der kalten Überlegungen. Und Belgien ist mitangeklagt wegen mangelnder Fantasie. Doch das ist dann doch wieder viel zu böse formuliert. Herausragende Spiele laufen anders. Intensive Spiele laufen so. Alle waren gut - auf eine Weise, die Zauberei halt nur funkenweise (Mbappes Ferse!) zuließ. Es war ein Kreiseln, ein Umrunden, ein Dauerkreislauf, ähnlich einem Boxkampf, bei dem mehr getänzelt als geschlagen wird. Und das war auch im wahrsten Sinn des Wortes so, denn es gab eine gute Stunde lang kaum Fouls und körperlich wurde es erst nach dem 1:0, als die Zeit für die Belgier immer knapper wurde. Und was für fein geführte Boxkämpfe gilt, galt auch hier: Respektlos war es nie. Womöglich aber war dieser Respekt und das Wissen um die Genialität der anderen auch der Totengräber des spielerischen Zaubers. Und so konnte man sich schwer entscheiden, wem man mehr Schuld geben will, dass uns ein denkbares Spektakel entging, denn die Lust auf einen Schlagabtausch erlischt auch im Lichte feinster Taktik nicht.

Man könnte dieses Halbfinale in einer Galerie nachstellen. Da hängt dann in einem sonst leeren Raum an einer Wand ein Monet und gegenüber ein Bruegel (den wir, weil Flame und in Brüssel gestorben, Belgien zuordnen, auch wenn es das damals noch nicht wie heute gab). Und stellte man die Partie in einem Konzertsaal nach, stünde auf einer Seite Edith Piaf und gegenüber stünde Jacques Brel. Sie würden nicht ins Singen kommen, wie die Spieler eben nicht in ein kunstvolles Spiel kamen. Die große Kunst der Maler und der Sänger würde sich aufheben. Und so neutralisierte sich die denkbare, erhoffte Kunst auf dem Spielfeld in St. Petersburg auch.

Und als versagte die Stimme Brels bloß einen Moment lang, oder als rutschte der Bruegel ein bisschen aus dem Rahmen, fiel die Entscheidung. Ein nicht umkehrbares Unglück der einen. Ein standhaft festgehaltenes Glück der anderen. Ein Eckball. Ein Stellungsfehler von Fellaini. Der Kopf von Samuel Umtiti. Typisch für diese 2018er-WM, kann man sagen. Standards sind wie nie zuvor die Spielentscheider. Und man kann dieses "typisch" deshalb noch mehr sagen, weil Umtiti ein Innenverteidiger ist. Womit die Machtverhältnisse bei vielen der Spiele dieser WM beschrieben sind: Hinten ist alles so raffiniert und aufopferungsvoll dicht gemacht, dass man, wenn wegen Standardsituationen grad Zeit ist, vorne sein Glück sucht. Bei der akribischen Arbeit, die die Defensiveinheiten bei diesem Turnier leisten, mag man es den Innenverteidigern auch geradezu gönnen, dass sie manchmal Ausflüge zum Gegner machen dürfen. Das sollte dann keine Überraschung sein, ist es dann aber offensichtlich doch. Belgien bleibt deshalb geheimer Favorit - jetzt halt nur mehr in den Herzen. Und Frankreich ist spätestens jetzt der richtige, eiskalt überlegte WM-Tipp.

Aufgerufen am 21.07.2018 um 09:16 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/belgien-erfriert-in-franzoesischer-kaelte-31540312

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