Jenseits von Europa rennt die Welt ins Abseits

Bloß nicht vergessen: Noch schnell ein bisschen die Kolonialmacht Europa loben, bevor es womöglich zu spät ist.

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Matchplan 10/07 Bernhard Flieher

Vier sind es noch. Zwei davon, Belgien und Frankreich, gehören zur europäischen Urzone. Einer, England (politisch: Großbritannien), will sich davon machen. Und einer, Kroatien, will irgendwie noch rein ins bröckelnde Eurogeldland.

Europa dominiert die WM.

Und auch wenn das in den vergangenen 30 Jahren nichts ganz Neues ist, auch 1982 und 2006 waren am Ende noch vier europäische Teams im Rennen, drei waren es in den Jahren 1990, 1998 und 2010, so scheint Europa auf dem Spielfeld im Gegensatz zu vielen anderen Feldern der Gesellschaft doch das herrschende Modell für die Zukunft zu sein.

Der europäische Fußball hat sich gegenüber der Restwelt in den vergangenen 15, 20 Jahren extrem entwickelt. Das hat mit Geld zu tun. Geld, das direkt in Spieler investiert wird, aber auch Geld, das in die Verbände und also die Ausbildung gesteckt wird. In herrliche Grünlandzonen werden da architektonisch schöne Internate gebaut, gegen die die besten, wirklichen Schulen wie Baracken wirken. Fußballer werden längst gezüchtet wie Rennpferde oder ganz früher Pfarrer. Wer mit 14, 15 Jahren nicht über umfassende Fähigkeiten verfügt, kann Tennis spielen gehen oder Skifahren. Es findet im Fußball statt, was auch im universitären Bereich Mode ist: absolute Verschulung, frühes Spezialistentum. Es existiere dabei eine "Qualitätsspirale, die sich in Europa nach oben dreht", sagte der portugiesische Fußball-Lehrer Carlos Queiroz der französischen Zeitung "El País". Und die drehe sich immer schneller. "Europa kolonisiert den Fussball", schrieb die brasilianische Zeitung "O Estado de São Paulo" nach dem Ausscheiden Brasiliens. So schlimm. Ja und nein.
Also Europa voran im Stil einer Kolonialmacht? Südamerika hinüber? Asien nicht gar nicht fußballtauglich? Und Afrika sowieso hoffnungslos?

Spezielle Südamerika-Erklärung für diese WM: Brasilien verliert gegen Belgien in einem Match auf Messers Schneide. Kolumbien, ohne seinen besten Spieler James, verliert noch knapper gegen England, weil: Elfermeterschießen. Uruguay musste gegen Frankreich auch auf seinen besten Spieler verzichten. So geht das Spiel. Manchmal. Das ist der Normalfall und es hätte in der Enge der Spiele von Brasilien oder Kolumbien ebenso gut der Normalfall sein können, dass die beiden Teams weiter gekommen wären.

Daraus lässt sich also nicht unbedingt der Trend ableiten, dass Südamerika abgehängt ist. Ein Strukturproblem ist dort dennoch immanent: Es gibt keine Chance mehr, dass ein Genie direkt aus den Favelas im Maracana-Stadion in Rio aufgeigen wird. Wenn ein Genie auftaucht, wird es noch im Schüleralter verkauft nach Russland, England oder irgendwohin. Man exportiert nicht die besten, ausgebildeten Kicker, sondern - so schreibt der Schweizer Tagesanzeiger treffend - "alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind". Und viele dieser Geschäfte - oft mit Minderjährigen - laufen so intransparent ab wie eine Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees. Das Geld landet bei Händlern, denen der Fußball egal, die Rendite aber alles ist.

Weit mehr als ein Südamerika-Problem manifestiert sich bei der WM jedoch eine brutale, scheinbar unumstößliche und bei den politischen Heimatdümmlern derzeit auch gewollte Wahrheit: Die Härte des afrikanischen Desasters.

Wenn Afrika keine Mannschaft in die KO-Phase bringt, ist das nicht mit dem Spielunglück mancher Südamerikaner zu erklären. Dieses Scheitern erweist sich als Indiz, wie sehr die Welt zerreißt und wie sehr Europa daran Anteil hat. Bei diesem Auseinanderbrechen folgt der sportliche Misserfolg ganz einfach einer in Europa recht(s) schicken politischen Bewegung. Eine Politik der Abschottung, der Ignoranz und der fadenscheinigen Hilfsangebote, die so klingen wie Ideen aus Zeiten des Kolonialismus, schlägt auch auf den Fußball durch. Von Spielerberatern, die sich seit langem mit Afrika beschäftigen, ist zuletzt auch zu hören, dass es wegen restriktiver Einwanderungspolitik schwerer wird, Talente aus Afrika in Europa unterzubringen. Nur hier aber gibt es derzeit jene Ausbildung, die ihnen und dem Fußball auch daheim nachhaltig zugute kommen könnte. Ein Interesse daran, auch über diesen Weg so etwas wie Entwicklungszusammenarbeit zu schaffen, ist nicht zu erkennen.

Kurioserweise liegt ein weiterer Aspekt der europäischen Dominanz eben genau in der Migration. Mit Ausnahme des kroatischen Teams stehen in all den Mannschaften im Halbfinale jede Menge Migrantenkinder - ja selbst Harry Kanes Eltern stammen aus dem irischen Galway (das gilt vielleicht nur halb, aber trotzdem).

Immer noch taugt Sport für Kinder von Einwanderern und erst recht unter Asylsuchenden als Mittel des sozialen Anschlusses und Aufstiegs. Tatsächlich spielt dann das "National" von "Nationalmannschaft" ganz einfach und erfreulicherweise weniger Rolle als "Mannschaft". Und freilich entscheidet sich ein Spieler aus einem fußballerisch unterentwickelten Land eher für einen Einsatz im belgischen oder französischen Team, als sagen wir für Jamaica, Algerien oder Marokko. Da spielt die Frage nationaler Zugehörigkeit dann weit weniger Rolle als die Karriereplanung. Da löst der späte Kapitalismus alle Grenzen auf. Womit sich hiermit aber im Gegensatz zum politischen Trend der neuen, so genannten Heimatparteien auch nationalstaatliche und nationalistische Fragen auflösen - nämlich in den Möglichkeiten der Globalisierung.

Am Ende werden es dann nur noch zwei sein, zwei Europäer. Und realpolitisch und historisch hätte es schon einen Reiz, wenn diese beiden die Franzosen und die Engländer sein könnten. Marcon gegen May, Europe neu denken gegen Europa wegdenken. Da könnte man viel herum interpretieren. Aber am Feld geht es dann halt doch um simplere Fragen wie diese: Kylian Mbappe oder Raheem Sterling? Aber das heißt halt auch: Einer mit Wurzeln in Kamerun gegen einen mit Wurzeln in Jamaica.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 09:25 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/jenseits-von-europa-rennt-die-welt-ins-abseits-31497958

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