Blitzkick Bop und Bye, Bye Love

Der Punk im Lächeln des Torwarts Thibout Courtois und die Melancholie, als Neymar schießt.

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Matchplan 07/07 Bernhard Flieher


Wer genau hinsieht, kann Thibaut Courtois lächeln sehen. Das ist ungewöhnlich. Er lächelt kaum. Er ist Tormann. Unter denen gehört er zu den besten der Welt und unter denen ist Lächeln nicht verbreitet (oder nach der alten Olli-Kahn-Schule ganz verboten). Und jetzt, in diesem einen Moment, ist Courtois wohl sogar der allerbeste Tormann der ganzen, weiten Welt, die er für Bruchteile einer Sekunde verlässt. Er fliegt hoch nach links, greift mit der rechten Hand über und die Finger lenken den Ball über die Querlatte. Aber "lenken" klingt viel zu profan, zu technisch. Bei einem Stürmer, der den Ball ähnlich akrobatisch in den richtigen Raum lenkt, würde bildhaft von "spitzeln" oder "streicheln" gesprochen werden. Also: Courtois streichelt den Ball, der so hart und flott daherkommt, dass andere in Deckung gehen würden, über die Querlatte. Genau unter diese Querlatte wäre der Ball geflogen. Kein Zentimeter hätte dazwischen gepasst. Der Ball kam vom Wunderfuß Neymars. Doch das hieß an diesem Abend in Kazan nichts Gutes. Und wie der Ball nun fliegt, fliegt auch Coutrois und wie er fliegt, scheint er zu lächeln. Kein hinterhältiges Grinsen ist es, auch kein überhebliches Auslachen. Nein, ein Lächeln fliegt mit ihm, und mit dem Lächeln zu dieser späten Minute der Partie klingt ein letzter und deshalb irgendwie auch tröstender Satz: "Heute nicht mehr, nicht mit mir, nicht in meinem Tor, tut leid: Denn ich will weiter fliegen." Und die anderen fliegen nach Hause.
Und so steht es also in dieser vierten Minute der Nachspielzeit des Viertelfinales immer noch 2:1 für Belgien. Und das bleibt so. Und dann lächeln alle. Nur nicht die Brasilianer. Die ja vor allem in der ersten Halbzeit gar nichts zu lachen hatten.
In der Mitte, die sie so sehr brauchen, damit ihr Spiel seine Dynamik nicht verliert (oder bekommt), war nämlich alles dicht. Und doch ging es immer wieder ab durch die Mitte. Bloß ging's in die andere Richtung. Aus der Mitte holten sich Marouane Fellaini und Kevin de Bruyne die Bälle. Und sie bekamen sie weiter vorn wieder zurück von Eden Hazard oder Romelu Lukaku. Der belgische Kreisel - nebenbei ein soziales Vorzeigeprojekt, das Migrationshintergrund und Sprachgrenzen, kulturelle Unterschiede und witzige Frisuren nicht als Probleme, sondern als Bereicherung erkennt - drehte und drehte sich, Und das ging so furchtbar schnell, dass die Brasilianer kaum hinterher kamen. Also staunten sie nur, so wie man staunt, wenn einem etwas widerfährt, wogegen man recht machtlos scheint. Zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe.


Zuerst war da ein Tor für Belgien durch Brasilien, weil Fernandinho, der unglücklicherweise den blöderweise gesperrten Carlos Casimorio ersetzen mussten, Kopf und Schulter so ausrichtete, dass er seinem Tormann keine Chance ließ. Fernandinhos Körper war aus der Balance, so wie die Defensive der Brasilianer aus der Balance war, weil er und nicht der große Raumdenker Casimiro spielte. Da war, jedenfalls, wenn man der Ruhe, der Geduld und dem kollektiven Genie der Brasilianer sicher war (und das konnte man sein, wenn man sie bisher spielen sah), aber noch nichts passiert.

Passiert ist es erst, als die hinten wackeligen Brasilianer vorne einen Eckball hatten. Und aus dem Eckball fiel ein Tor. Durch Belgien. Denn die Belgier verwandeten den Eckball der Brasilianer zu einem Sturm, zu einem Konter, der in Lehrbüchern (jedenfalls in belgischen) stehen wird. Die Urgewalt begann mit einem gewonnenen Kopfballduell, das den Eckball entschärfte. Dann kam der hemmungslose Vorwärtsdrang von Lukaku, der einen Pass, wie wir jetzt wissen: einen tödlichen, auf de Bruyne spielte. Wie eine Flutwelle oder ein Erdrutsch kam dieser Angriff daher. Und das erwischte zwei, drei arglose Brasilianer wie verdutzte Schafe auf einer Alm, über die eine Mure rauscht. Man merkt sie gar nicht die Mure, wenn sie aber passiert, bleibt Schaden zurück. Lange nicht zu reparieren. Jedenfalls nicht in der Zeit eines Fußballspiels. Ganz so wie der Song "Blitzkrieg Bop" der Ramones, der in 2:14 Minuten ganze Leben verändert hat: "Hey, Ho Let's go!" Mehr braucht es nicht, um die Welt aus den Angeln zu haben.

Dass es so kommen konnte, wusste nur Belgiens Trainer Roberto Martinez, der nach dem Spiel sagte, dass seine Taktik noch nie verloren hätte. Wahrscheinlich war da der Simultanübersetzer schlampig, ist aber egal. Wir sahen zuvor ja, was Martinez meinte. Er stellte um von einer Fünfer-Abwehr auf eine agile Viererkette, vor der drei Mittelfeldmotoren rotierten und wodurch vor allem Kevin de Bruyne und Eden Hazard im Herz des Spiel sehr viel Raum fanden. Und die taktische Raffinesse erzeugte einen Rausch. So baute Martinez seinen Coup de Halbfinale und Brasilien brauchte bis zur zweiten Halbzeit, um Mittel zu finden, deren Wirkung aber nicht ausreichte. Sowie im Gegensatz zur Urkraft der Ramones eben etwa die Everly Brothers nicht ausreichen, die Welt zu verändern. Sie reichen nur, um sich von den schönen Seiten der Welt -- und dazu gehört gewiss das brasilianische Spiel an anderen Tagen - verabschieden: "Bye Bye Love, hello emptiness". Ein Jammer. Und auch wieder nicht, denn es war eines dieser Spiele der Ungestümheit, die an die Zeit auf der Hauswiese oder der Straße erinnerten. Da wurde so gespielt, als gäbe es kein Morgen. Und es wurde mit der belgischen Gewissheit gespielt, dass man immer ein Tor mehr schießen würde, als man bekommen kann. Oder man hat einen der besten Goalies im Tor stehen, der im Flug lächeln und jeden Ball ins Nichts hinaus streicheln kann, auch wenn Neymar den Ball so zentimetergenau zirkelt.

Neymar hat an diesem Tag übrigens wenig gejammert. Er hatte aber auch nicht seinen allerbesten Tag. Am Ende weinte Neymar übrigens stellvertretend für ein ganzes Land, das nun weinen wird, weil es der Brauch ist, dass Brasilien in Tränen untergeht, wenn die Selecao so früh heimfahren muss (oder daheim untergeht). Es kann aber auch sein, dass Neymar das Weinen nur vortäuschte.

Und auf der anderen Seite herzte Thierry Henry, der Leichtfuß aus früheren Tagen, die ganzen Belgier. Er ist ihr Offensivtrainer. Da könnte der eine oder andere beim Gedanken ans Halbfinale auf eigenartige Gedanken kommen. Aber welche waren das noch schnell?

Ach ja, Henry ist Franzose und alle Franzosen außer ihm wollen nach dem schön erspielten 2:0-Sieg über ein geschwächtes und also schwaches Uruguay im Halbfinale Belgien schlagen.

Wenn dieses Halbfinale gespielt wird, ist schon die vierte Etappe der heurigen Tour de France gefahren. Die beginnt nämlich heute. Die Tour de France ist das größte, schönste Spektakel, das die Franzosen der Welt schenkten neben Zinedine Zidane und Emmanuel Petit, damals im 98er-Jahr. Aber, und so viel sei noch über das Halbfinale gesagt: Die besten, aufregendsten, unterhaltsamsten Radrennen finden Jahr für Jahr immer schon in Belgien statt. Das ist jetzt alles sehr verwirrend. Aber man kommt halt auf allerhand Gedanken, wenn ein Spiel so dahin fliegt und Thibaut Courtois lächelt.

Aufgerufen am 16.01.2021 um 10:03 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/blitzkick-bop-und-bye-bye-love-31388023

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