Das System ist simpel: "Spielen Sie!"

Wenn auf der Trainerbank neben der Taktik auch die Weisheit auftaucht, sitzen wir in Uruguay.

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Matchplan 06/07 Bernhard Flieher

"Spielen Sie." Zwei Worte hat der neue Trainer Ivica Osim gesagt zur Eröffnung seines ersten Trainings bei Sturm Graz. So jedenfalls sagt es die Sturm-Legende. Es ist anzunehmen, dass Osim - damals 1994 - vorher schon auch "Guten Tag" oder etwas Ähnliches gesagt hat. Osim mag, mittlerweile 75 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen, stets vernarrt gewesen sein in die Idee, dass Fußball gespielt werden soll (muss, darf), aber Osim, geboren In Sarajevo, als Spieler ein Feingeist, erschien immer auch als nobler Mensch; ein Nachdenklicher, ein Wohltemperierter, einer mit diesem so seltenen und immer selten werdenden Gefühl, das es schafft, Herz und Hirn im Einklang zu halten. Und alles, was wir nun von Oscar Tabarez, Trainer Uruguays, wissen und hören, erinnert an Osim. Oder auch an Cesar Luis Menotti. Oder an Jorge Valdano. Oder an Volker Finke, Friedhelm Funkel oder Christian Streich. Leider fällt mir grad kein Österreicher ein auf dem Feld, aber am Schreibtisch saß einer und schrieb einmal: "…er lebte, weil er leben musste, vom Fußballspiel fürs Fußballspiel." Die Zeilen sind von Friedrich Torberg über Matthias Sindelar - und freilich trägt das Gedicht den Titel "Der Tod eines Fußballspielers", weil es um die tödliche Tragödie des genialen jüdisch-stämmigen Kickers in der Nazi-Zeit. Doch dieses eine Zitat lässt sich auch ausbauen ins Allgemeine.

Die Zeilen klingen nach Beschränktheit. Sie sind, wenn man sie für Oscar Tabarez nimmt, aber schön und richtig. Er war schon in Pension. Und Uruguays Fußball war zerstört vor zwölf Jahren. WM-Quali verpasst. Die heimische Liga ein Komödienstadel, die Profis im Ausland überbezahlt oder unterbeschäftigt. Die Historie übergroß und lächerlich aufgeblasen. Diesen Zustand der Depression kennt man von fast allen Fußballtradtionsnationen und in Österreich, wenn's beim Skifahren nur für einen zweiten Platz reicht.
Also beendete Tabarez seine Pension, vermied jedes Geplärr, ließ die Experten und Mitreder abprallen an Wissen und Intelligenz und erdachte ein Spiel, das zu allen seinen Spieler passen sollte. Es ist ein Spiel, das nicht auf Raffinesse einzelner verzichtet und doch nicht elegant aussieht. Es ist ein Spiel, dem der Vorwurf übertriebener Körperlichkeit vorauseilt, aber genau besehen aus vielen kleinen Feinheiten besteht. Es ist ein Spiel, das sehr sehr oft alle spielen lässt, so gut sie können. Damit kam man 2010 ins Halbfinale der WM in Südafrika, gewann auch die Copa America. Und so geht es bis heute weiter.

Nun ist Tabarez krank. Vor zwei Jahren wurde das Guillain-Barre-Syndrom diagnostiziert. Das ist eine Nervenerkrankung, die Muskelschwäche auslöst. Tabarez geht am Stock, sitzt während der Spiele viel auf der Bank. Den Hampelmann und Plärrer an der Outlinie hätte er ohnehin nicht gemacht, Es sind seine wachen Augen, mit denen er das Spiel leitet, mit denen er eine Schönheit kreiert, die sich nicht auf singuläres Virtuosentum verlässt, sondern auf die Kraft und Intelligenz des Ganzen.

Die Schönheit des Spiels liegt nämlich nicht in Rekordtransfers, oder in der fetten Erinnerung an irgendwelche glorreiche Irgendwanns und auch nicht an der Exotik von WM-Austragungsorten und feschen Stadien, von denen einige nach den Spielen zum Tode durch Nichtbenutzung verurteilt sind. Die Schönheit des Spiels liegt auch nicht in der lächerlichen, aber dauernd verbreiteten Annahme, Fußball würde die Menschen zusammenbringen, gar Frieden stiften und so etwas wie ein Sozialprojekt sein. Ach was! Fußball als System (wegen seiner Finanzkraft, wegen seines Ablenkungspotenzials und wegen der Macht seiner Funktionäre) ist eine brutale Geldvermehrungsmaschine und eine Ausbeutungsfabrik. Menschenrechte? Gerechte Löhne? Friede? Ach geh. Und da kann man wieder Ivica Osim heranziehen als Opfer und Zeuge solcher Lügen. Als seine Heimatstadt Sarajevo eingeschlossen war, bombardiert und zerlegt wurde von der serbischen Armee in den frühen 1990er Jahren, war Osim, Bosnier aus der Vielvölker- und Vielreligionenstadt, geboren an einer Schnittstelle, die Kulturen nicht trennt, sondern das besten aus ihnen wachsen lässt, Trainer von Partizan Belgrad. Das war die ehemalige Armeemannschaft Serbiens. Osim trat zurück, Es sei, sagte er mit Tränen in den Augen, das einzige, was er für seine Stadt habe tun können. Für einen der lebt und leben muss vom Fußball für das Fußballspiel ist so ein Rücktritt eine ganze Menge, Für einen, der im Fußball erkennen will, dass eine Idee nicht reicht, dass einer nichts ist ohne die anderen, muss sich der Rücktritt unter kriegerischen Bedingungen wie eine Kugel ins Herz anfühlen. Zwei Glocken klingen besser als eine, sagte Osim gerne. Und alle klingen wie ein Orchester: "Das ist es, was ich hören will." Und da sprach er vom Fußball wie vom Leben.

Tabarez sagt kürzlich, dass er nicht so genau wisse, was denn Stars seien. Man kann ihm helfen: Stars sind Helden, die glänzen, groß aufspielen, wenn's gut geht, und wenn's nicht so gut geht, verdienen sie dennoch Unmengen. Ach so, täte Tabarez dann wohl sagen und den Ahnungslosen spielen. Aber er sagt; "Wenn sie spielen, ist es gut," Und so hat er seiner Mannschaft beigebracht so zu spielen, dass es für alle gut ist und auch aufregend anzusehen ist.

Wo aber ist die Schönheit dann tatsächlich zu finden? Sie liegt im Spiel selbst, in der Möglichkeit, dass trotz aller Berechnungen und Taktik, trotz Laptop und Analysesoftware stets die Unmöglichkeit existiert, das Spiel genau vorherzusehen. Und sichtbar und spürbar wird die Schönheit, wenn weise Männer das ganz einfach formulieren. Oscar Tabarez ist einer dieser Weisen. Er lässt sich nicht treiben mit der medialen Sturmflut. Er sagt "Dazu sage ich jetzt nichts mehr", wenn es in den letzten Tagen nervend oft die Frage aufkam, wie es denn Edinson Cavani nach seiner Verletzung gegen Portugal geht und ob er spielen wird und wie und was. Tabarez lächelt nur, wie einer lächeln kann, weil er es schafft, dass im nationalen Fußballzentrum sogar eine Bibliothek eingerichtet wurde. Er sagt nichts zu Cavani und sagt dann alles, was es zu sagen gibt: "Wir werden spielen, das werden Sie sehen."

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