Das Böse unter der Sonne

England träumt im Nebel, Kroatien humpelt - und daraus soll jetzt ein Halbfinale werden.

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Matchplan 08/07 Bernhard Flieher

Über Samara scheint nachmittags die Sonne. Über Sotchi scheint sie abends auch, bis sie untergeht und so das Ende nicht mehr erleben muss. Elferschießen. Und fix und fertig gespielt wie Kroaten und Russen waren, hätte man gern auf ein Siebenmeterschießen oder ein Strafraum-Umrundungshumpeln plädiert. Aber die Regeln kennen ja keine Gnade für die Ausgelaugten, für die Dauerballnachläufer und für die so oft ins Leere rennenden Ballführer. Ein Elferschießen empfindet offensichtlich sogar die Sonne als Grausamkeit und also ging sie früh genug unter, um nicht mit Russland wegen des Untergangs weinen zu müssen.

Freilich sind die Tränen für Russland aber eh bloß Tränen des emotionalen Wahnsinns aus Rückstand und Ausgleich in der Verlängerung und der naturgemäßen Dramatik eines Elferschießens. Aus Gründen der Ballkunst weinen nur die Stumpfsinningen um Russland. Und die Freudentränen für Kroatien haben auch weniger mit der Ziellosigkeit zu tun, mit der die Kroaten (die auch Feingeister sein können, aber das gut versteckten, weil es gegen Russland nichts hilft) gegen die russischen Athleten anliefen. Die Tränen für die Kroaten hatten zu tun mit der Erinnerung an kürzliche Spiele. In diesen Spielen pochte in Kroatien ein Herz, das Pulsschlag dieser WM sein könnte. Nun hat sich Kroatien ins Halbfinale gehumpelt. Sogar die Muskeln von Torwart Subasic, ganz ohne fremden Zutuns, stellten die Arbeit ein. Das führte im Moment des Zuschauens zu großer Aufregung: Keine Wechsel mehr möglich, muss Subasic raus, müsste ein Feldspieler ins Tor. Alles überschlägt sich. Acht Sekunden lang etwa. Das alles passiert aber dann eh nicht. Stattdessen spielt Subasic bis zum Elferschießen und hält auch einen. Und der Moment solcher Aufregung vergeht schnell und zählt wenig, wenn die Zukunft schon am Mittwoch wartet. England heißt sie. Aber auch diese Zukunft wird keine Zukunft haben, wenn sie sich ereignet, wie sich die Gegenwart unter der Sonne von Samara, wo es gegen Schweden ging, ereignet.

Dort muss die russische Sonne ohnehin überhaupt eine Täuschung gewesen sein. Wahrscheinlich lässt sich das von fifa- und kremlgesteuerten Tricks für uns naive Zuschauer technisch irgendwie herbeizaubern. Da kommt bei uns daheim dann ein Spielfeld unter Sonnenstrahlen an, wo doch dort dichter Nebel geherrscht haben dürfte. Denn in Samara spielten die Schweden, als müssten sie blind kicken. Keine Ahnung, wo der nächste Mitspieler steht. Keine Ahnung, wohin die Bälle gehen. Und wenn einmal einer, Marcus Berg etwa, in einem zufälligen Wahn eine Ahnung hatte, wohin damit, dann beendete England-Goalie Jordan Pickford die Angelegenheit. Dass nun die Engländer bei dieser Sache den Durchblick behalten konnten, muss nicht verwundern, weil es ja heißt, dass es drüben auf der Insel, wo die alle kicken, angeblich keine Sonne, sondern nur Nebel gibt. Deshalb rennt Trainer Gareth Southgate auch in historischen Momenten, oder weil halt ein Tor für seine Mannschaft fällt, nicht wie deppert durch die Gegend. Er bleibt immer vorsichtig und nahe an der Trainerbank, wo er ganz offensichtlich mehr Pläne für ein einziges noch so träges Spiel ausheckt, als seine Vorgänger in den vergangenen etwa 30 Jahren alle zusammen.

Für die Partie gegen Schweden, hatte Southgate sogar drei Pläne. Sie hießen: "Patience, Patience, Patience." Eine raffinierte Zermürbungstaktik aus Genauigkeit in den Pässen, bei der man Angst bekommen konnte, dass den Spielern selbst langweilig werden könnte, war zu erdulden. Der langsame, aber sichere Zerreibungsmodus der Engländer war - massiv unterstützt von der schon traditionellen, schwedischen Einfalt - so grausam anzusehen, dass man sich wundern konnte, dass die Sonne über Samara dieses ganze, böse Spiel mitmachte.

Andererseits geht es gegen die Schweden, diese Mauer der Sturheit, diesen Wald der (fast) Unfällbaren, gar nicht anders (und gut, dass es bei dieser WM zum letzten Mal gehen muss). Dynamisches Anrennen kostet da nur unnötig Kraft, wenn man doch ein englisches Team ganz offenbar zum ersten Mal in der Geschichte des von ihr erfundenen Spieles cool genug ist zu wissen: Es geht auch anders als immer nur schnell nach vorne zu spielen. Ein paar Mal reicht auch, wenn man Typen wie Dele Ali und Raheem Sterling wuseln lässt.

Letztlich geht es ja für England stets um eine größere Mission als bloß um das Überstehen einer KO-Runde. Es geht darum, den Fußball heimzubringen nach "Keiner-weiß-mehr-wievielen-Jahren". Dafür musste man ihn dieses Mal eben den Schweden wegnehmen. Die können mit dem Ball zwar lächerlich wenig anfangen. Aber wenn sie ihn hergeben sollen, dann wehren sie sich wie ein störrisches kleines Kind - ohne Plan, aber kräftig und ausdauernd. Sie mauern. Sie klammern. Sie rennen davon, verstecken sich. Heilloses Anrennen hilft da nichts. Geduld aber erweist sich da eben doch als sehr erwachsene, reife Leistung. Freilich hätten wir Zuseher lieber, dass Southgate, seine schicke Weste sprengend, aufs Feld brüllt: "Passion, Passion, Passion". Aber dann kommt die Kugel wieder nicht heim, und die Welt dreht sich weiter und sie dreht sich wieder an England vorbei.

Und was rauskommen kann, wenn ein Trainer die Passion haben will, weil seine Spieler sonst nichts haben außer ihren Körpern, die das Umfallen nicht kennen, sah man ja bei Russland. Selbstverständlich bricht einem das Herz, wenn der russische Bär, gerade noch so fröhlich, wieder in seine Höhle verscheucht wird. "In abendlicher Sonne sitzen wir gebeugten Rückens auf den Bänken in dem Grünen. Unsere Arme hängen nieder, unsere Augen blinzeln traurig", schrieb Franz Kafka in einem Brief. Er schrieb nicht für Russland. Aber das ist jetzt auch egal. Die Sonne ist untergegangen. Heute kommt sie wieder. Da ist spielfrei. Und morgen das Gleiche. Es ist die Zeit zum Vergessen. Und dann ist Halbfinale und alles wird ganz großartig. Jedenfalls für zwei der vier Teams.

Aufgerufen am 17.01.2021 um 08:09 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/das-boese-unter-der-sonne-31423075

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