Der Ball mag nicht heim nach England

Bessere Ideen, die Weisheit des Alters - und schon übernachtet der Ball auf einer kroatischen Couch.

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Matchpan 12/07 Bernhard Flieher

Und dann hat es sich der Ball doch noch einmal anders überlegt. Das war so ab der 60. Minuten. Aber es war schon zuvor zu spüren, dass der Ball womöglich vorhaben könnte, nicht auf direktem Weg und schon jetzt und gleich, da die englischen Buben noch so jung sind (und also schon auch ein bisserl unerfahren und dann ratlos), ein Stück weiter nach Hause zurückzukommen. Die schaffen noch ein paar Jahre Schmerz, denkt der Ball und summt diesen einen Song der Lightning Seeds und Baddiel & Skinner, der Englands Traum und Trauma besingt und mit 22 Jahren älter ist als einige der englischen Kicker.

Kieran Trippier, mit 27 ein Post-Lightning-Seeds-Geborener, öffnet ihm, dem launenhaften Ball, allerdings sehr früh die Tür, damit er heimkommen kann.

Die Engländer. außergewöhnlich in der heutigen Angstwelt allesamt ganz sorglose und deshalb grundsympathische, junge Menschen, machen es sich und dem Ball dann gemütlich. Sie streichen den Rasen bedächtig hinter einer feingeschnittenen, akkurat gesetzten Hecke.

Die Kroaten halten aber gar nichts von dieser Biedermeierlichkeit, die neuerdings ja weite Teile der Jugend der westlichen Welt befällt aus lauter Angst, da draußen könnte ihnen jemand den Ball wegnehmen.

Ivan Perisic, mit 29 Jahren quasi ein weiser, alter Mann, zeigt dem Ball und der Jugend dann, wo es sich auch gut wohnen lässt.

Jordan Pickford hält danach gegen den Willen der Kroaten, aber für alle Umschreiber der englischen Torwarthistorie, ein paar Träume fest bis in die Verlängerung - aber den letzten kann auch er nicht mehr halten.

Mario Mandzukic nämlich, mit 32 Jahren phasenweise scheintot, aber doch noch mit einem letzten Spürsinn für den richtigen Platz zur wichtigen Zeit, zeigt dem Ball dann, was passiert, wenn ein Ball nicht auf ihn, den mächtigen Mandzukic, hören will. Also hämmert er, der vollstreckende Mandzukic, den Ball hart hinein in den englischen Garten. Danach liegt er viel, das kann er schon immer gut, der abgebrühte Mandzukic, weil da die Zeit vergeht und das Heimhämmern eines Balles halt auch Kraft kostet. Es könnte auch sein, dass er das alles aus purer Angst um den Arbeitsplatz tut, weil er bei Juventus Turin nun gegen den mächtig vollstreckenden, aber wesentlich mehr Reingewinn einspielenden Ronaldo um den Platz im Sturm kämpfen muss.

Ivan Rakitic und Dejan Lovren, einer erst 30, der andere gerade einmal 29, rütteln, schon bevor Mandzukic die Engländer für seinen indirekten Kampf gegen Ronaldo missbraucht, längere Zeit ihrem Alter unangemessen recht ungestüm - nicht an der Tür der Ballhüter, sondern am Watsch'nbaum.

Luka Modric sieht zu diesem Zeitpunkt schon aus, als wüsste er nicht einmal mehr, wo er selber daheim ist und sein leeres Gesicht nährt massive Zweifel, ob er im Ernstfall den WM-Pokal in die Höhe reißen wird können. Aber in solchen Endsituationen hat man, wenn man auch schon 32 Jahre alt ist, einen Trainer und die Erfahrung, damit man einen Weg aus dem Spiel findet und dort dann eine rettende Bank.

Jesse Lingard, 25, Raheem Sterling, 23, Dele Alli, 22, Marcus Rushford, 20, und die anderen von der Trauminsel rannten währenddessen unentwegt. Dem Ball nach rannten sie, ohne ihn noch einmal davon überzeugen zu können, dass er sein Zuhause doch in ihren Beinen hat. Aber der Ball hatte sie längst verlassen und schickte sie deshalb recht konsequent ins Leere des Raumes oder in kroatische Sackgassen.

Denn er, der mächtige Ball, hatte sich schon für eine andere vorübergehende Bleibe entschieden. Er ist ein Weltenbummler, ein Couchsurfer, ein Freibeuter der Stadien und des Rasens, der für ihn die Welt bedeutet. Einige Zeit sah es aus, als wolle er hinüber nach Brasilien segeln, dann war's doch wieder Belgien. Aber nirgends gefiel es ihm so richtig. Und nach so vielen Aufregungen in Russland nimmt er nun, für ein paar Tagen jedenfalls, Unterschlupf dort, wo die Geburtshäuser ein paar alter Fußballweisen stehen, die auszogen in die Welt und dann eben doch die eine oder andere spielerische Idee mehr auspacken können, als die jungen Wilden.

Und wenn nun also der letzte kroatische Autokorso in irgendeiner Stadt weit jenseits Kroatiens beendet ist. Wenn die aufgemotzten Autos der freudig erregten kroatischen Jugend wieder in der Garage stehen. Wenn die rot-weißen Karos von den Gesichter abgeschminkt sind. Wenn - endlich - jene Karo-Fahnen verschwinden, die oben rechts nicht mit einem roten, sondern einem weißen Karo beginnen und damit ganz unverhohlen der Fahne des Ustascha-Regimes, und also Hitlers Schergen auf dem Boden Kroatiens, gleichen und damit einer unpackbaren Huldigung. Wenn sich Domagoj Vida beschränkt ein grandioser Verteidiger zu sein und sich seine saudummen, nationalistischen Sprüchen über die Ukraine oder Serbien spart (und wenn nicht, dass dann die Fifa einschreitet). Wenn, nach einer Nacht, in der die Sonne nicht unterging, keine Biska-Flasche, kein Favorit Pivo stehen vor dem TV-Gerät und auf allen Stadtplätzen des Landes, sondern Schampus. Wenn die englischen Massenblätter ein kleines bisschen Stil von Gareth Southgate stehlen. Wenn die ersten englischen Fans aus dem Koma erwachen und ihre Frustrechnung nicht bezahlen können. Wenn das ins Gesicht geschminkte Saint-George's-Cross von den Tränen weggespült ist. Wenn auch vor dem letzten Pub alle vergessenen Southgate-Westen eingesammelt sind. Wenn die letzten Halbbesoffenen englischen Urlauber an irgendeinem Strand erwachen und merken, dass die rote Haut nicht von der Schminke oder dem Bier kommt, sondern von der Sonne, die trotzdem wieder aufgegangenen ist. Wenn. Wenn. Wenn.

Ja, wenn der Ball also wieder auf der Suche nach einer neuen Bleibe rollt, dann kann dieses Halbfinale, in dem über lange Strecken so viel nicht passierte, klar gesehen werden: Dann ist für die einen Egal-Spielzeit um den dritten Platz und für die anderen ist Finale.

Der Ball also hat sich einen halbwegs weiten Umweg ausgesucht, um nach Hause zu kommen Er muss zuerst irgendwie zurückfinden aus Russland und weil der Ball ja ein solcher Freigeist ist, kann es schon sein, dass es da mit dem Kreml noch Komplikationen geben könnte. Aber wenn er freikommt, der Ball, dann fährt er ein bisschen Interrail. Recht hat er, der Ball. Man kann als Ball und auch sonst überall die irrsten Dinge erleben. Kroatien hat herrliche Landschaften, eine lässige Küste und in der Nähe von Pula gibt es ein Lokal mit einer Lammleber, die samt sanfter Knoblauchsoße auf der Zunge schmilzt. Außerdem entwickelte sich die Tour of Croatia in den vergangenen zwei, drei Jahren zu einem recht lässigen Radrennen. Nur: Die Tour of Croatia war schon im April. Da hat Frankreich, wo sowieso alles oh la la ist, einen massiven Vorteil für den genussüchtigen Ball. Dort läuft die Tour de France nämlich genau jetzt.


Aufgerufen am 22.09.2018 um 05:04 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/der-ball-mag-nicht-heim-nach-england-31705021

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