Der Leberkäs macht die Kunst leichter

Bestimmt ist Salzburg eine Kulturstadt - und sicher ist, dass die Stadt eher Drogeriemarkt ist als Metzgerei.

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SPIELPLAN 25/07 Bernhard Flieher
Es ist nur selten zu erkennen, was im Leberkäse drinnen ist.  SN/Robert Ratzer
Es ist nur selten zu erkennen, was im Leberkäse drinnen ist.

Es ist ein schöner Gedanke, wo zu leben, wo sich so viele andere hin wünschen. Und ich verstehe auch, dass man sich da etwas mitnehmen will, eine Erinnerung an den Besuch. Oft bleibt für die Erinnerung in Herz und Hirn halt so wenig Zeit. Aber es bleibt immer noch das Selfie. Und man kann auch nicht ganz sicher sein, ob Salzburg ein Sehnsuchtsort ist oder doch eine Durchreisestation. Offensichtlich wollen aber immer so viele hierher, dass unten im Drogeriemarkt schon wieder das Haarshampoo knapp wird. Mein Haarwuchs erlaubt es mir zumindest in diesem Bereich des Überangebotes unserer Konsumwelt nicht untergehen zu müssen. 31 verschiedene Shampoos stehen im Regal beim Drogeriemarkt ums Eck. Ich brauche keines davon. An meine letzten Haare lasse sich nur Wasser und alle paar Tage den Rasierer. Reicht ja eh, sich bei der Fülle sommerlichen Kulturangebots für nichts entscheiden zu können, um dann an einem Abend gleich bei zwei Kunstevents, also in Galerien vorbeizuschauen. In der einen gab es Sekt, Cola Zero und Leberkäse. In der anderen gab es eine Art Tramezzini (eher von britischer Art, als von italienischem Geschmack), weißen Spritzer und trotzdem ausschließlich stilles Mineralwasser.
Ich kann mich - auch nur mit Mühe - der Idee anschließen, dass Liebe durch den Magen gehen könnte. Aber Kunst? Dennoch gestehe ich, dass es Kunst, die mir mit einer Leberkäse-Semmel serviert wird (oder ist es eh umgekehrt?) leichter hat. Leberkäse erzeugt in mir eine Art Geborgenheit, so wie das auch eine richtig gute Knacker tut oder eine frische Leber, die man sich daheim röstet mit Speck und dazu gibt es gedünsteten Apfel. Solche Dinge sind selten geworden, seit es in der Stadt nur mehr ein paar Metzgereien gibt, die diesen Namen wirklich verdienen. Dafür gibt es lieblose Wursttheken und Fleischtheken in Supermärkten und vakuumverpackte Stücke, die bisweilen nicht einmal mehr aussehen wie Fleisch. Und da fällt mir eine, dass es auch jede Menge Drogeriemärkte gibt. Denn es sollte doch gar nicht um Leberkäse in der Kunst gehen, sondern um Haarshampoo für Touristen. Ich also brauche keine Haarshampoo. Also weiß ich auch nicht, was die asiatischen Touristen - ich vermute wegen des Sprachklanges, dass sie aus Japan stammen - mit dem Zeug wollen, das sie Tag für Tag massenhaft in die Einkaufskörbe packen. Gibt's das bei ihnen auf der Insel nicht? Hat Europa deshalb ein Freihandelsabkommen geschlossen? Jedenfalls plündern viele von ihnen auf dem Weg zurück zum Bus, der sie in der Früh vom Hofbräuhaus oder von Neuschwanstein hierher gebracht hat, und der sie nun über Nacht nach Prag oder Budapest weiterbringt, den Drogeriemarkt bei uns ums Eck. In einer Hand halten sie das Sackerl mit den Mozartkugel und anderen Originalsouvenirs, mit der anderen räumen sie die Regal mit Haarshampoo und auch mit Zahnpasta ab. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Ich beobachte nur, dass sie alles fallen und liegen lassen, wenn einer sagt, dass der Bus gleich abfahren wird. Und da muss man dann froh sein um die Globalisierung. Das gleiche Shampoo-Zeug gibt's nämlich eh überall. Und bis ins Herz der Leberkässemmel dringt der rasende Tourist sowieso nirgends vor.


Aufgerufen am 29.11.2021 um 12:43 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/der-leberkaes-macht-die-kunst-leichter-36892003

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