Wo Ben Becker erscheint, rauchen die Hauptsätze

Ben Becker war einst der Jedermann-Tod vor dem Dom. Jetzt sollte er als Judas dringend drinnen Platz bekommen.

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SPIELPLAN 24/07 Bernhard Flieher
Der Rauch geht auf: Ben Becker als Tod im „Jedermann“ (hier bei der Fotoprobe am 20. Juli 2009). SN/APA/BARBARA GINDL
Der Rauch geht auf: Ben Becker als Tod im „Jedermann“ (hier bei der Fotoprobe am 20. Juli 2009).

Ja gut, Lukaspassion. War grad bei der Ouverture Spirituelle. Bekannte Geschichte. Passion of Christ. Eselsritt. Abendmahl. Prozess. Kreuzigung. Kennt man auch deshalb, weil der Lukas, das richtig gut erzählt. Der Lukas war unter den vier Evangelisten ja so eine Art Ernest Hemingway.

Gut, der Lukas hat vielleicht ein bisserl mehr geplaudert als der Hemingway, da und dort mehr geschwafelt, kam des Erzählflusses und der Spannung wegen nicht gleich auf den Punkt. Aber sonst? Der Hemingway hat zwei Personen gebraucht. Dazu kam eine kleine Begebenheit. Daraus hat er mit ein paar Hauptsätzen Reportagen herausgehaut.

Jetzt also Lukaspassion. Komponist habe ich vergessen, ein schwieriger polnischer Name jedenfalls und es ist zu spät, um im Programm nachzuschlagen. Ist aber egal, weil sowieso schon wieder der Wichtigste nur nebenbei vorkommt, der Verräter, der Hinterhältige, die Hure unter den Jüngern, der Judas. Die Frage, warum der küsst, kann einen ja mehr noch als die Idee der Auferstehung in den Wahnsinn treiben.

Was, wenn der Judas, es sich anders überlegt? Was wenn er den Ball nicht zu den Schriftgelehrten und den Römer spielt, sondern in den eigenen Reihen hält? Und was, wenn der Judas nicht diese weinerliche, armselige, selbstmitleidige Figur abgibt, wie im Musical "Jesus Christ Superstar"? Wenn er sich sagt; Ohne mich gäb's das ganze Theater doch gar nicht.

Und da kann einem dann schon der Ben Becker erscheinen. Seit einiger Zeit tritt der ja mit der One-Man-Show "Ich, Judas" auf. Wie man hört, würde er das auch gern einmal im Salzburger Dom tun. Ich bin für solche Erschütterungen. Der Becker, der sich in Salzburg zunächst mit dem Landestheater zufrieden geben muss, wo er im Herbst in Albert Camus' "Caligula" auftreten wird, ist auch so einer, der gute Geschichten erzählen kann.

Und er hat auch Sätze parat, die kein Komma brauchen. Über den Tod sagt Becker, der als Judas in den Dom hinein sollte, vor dem er einst den Tod im "Jedermann" spielte: "Aus mir wird ein Gänseblümchen". Über Philosophie sagt er: "Ich bin eigentlich immer noch Kommunist".

Nur wenn's um die Schauspielerei geht, braucht er einen Nebensatz: "Ich habe es noch nicht nötig, mich bei ,Alarm für Cobra 11' über den Haufen fahren zu lassen." Dieser Becker also kommt mir in den Sinn, als ich da am Würstelstand stehe, mir das Paar Debreziner schmeckt und mir einfällt, dass jetzt wieder die Zeit kommt, in der Geschichten geschrieben werden, wo und wie und was die sogenannte Prominenz im Sommer in Salzburg isst, tafelt, diniert, schmaust. Eine nächtliche Debreziner-Synapsenkollision aus Abendmahl, Gourmettempel, Judas und Hunger an der "Heißen Kiste" ist das.

Vor Jahren stand dort am Würstelstand am Platzl auch Ben Becker und sagte zwei Sätze: "Pass auf! Für so'n Brötchen und ne Wurst verrate ich jede Scheißhaubenbude." Einwände gab es nicht. Nur ein wartender Gast sagte: "Bei uns heißt das Semmel."

Aufgerufen am 04.12.2021 um 12:31 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/wo-ben-becker-erscheint-rauchen-die-hauptsaetze-36852670

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