Die Schweiz, so geil und steil

Neymar muss heim, damit die Schweiz und Serbien weiter rasend Freude machen.

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Matchplan 23/06 Bernhard Flieher

Jetzt also sind die Gruppen D und E zu den ersten richtigen Abenteuerländern, zu Traumlandschaften geworden, in denen der aktuelle Punktestand die Fantasie fliegen lässt. Und so fliegen nach der Vorrunde aus diesen Gruppen also ganz einfach Brasilien und Argentinien raus. Das würde Europa bei der WM besser dastehen lassen, als dieses Europa in der politischen Wirklichkeit dasteht. Aber das ist beim Leben in einer Traumlandschaft völlig egal. Der Traum ist immer geil.

Die Schweizer nämlich werden mit rasanten Pässen und Flanken von Rodriguez und der weiten Sicht von Granit Xhaka, den rasanten Antritten von Shaqiri durch die Mitte locker durchkommen gegen Costa Rica. Gleichzeitig schlagen die Serben zwei, drei harte Flanken in die Mitte, wo Aleksandr Mitrovic den rasierten Schädel hinhält und der serbische Stürmer mit Köpfchen Neymar endlich einen Grund gibt zum Weinen. Und schon am Tag zuvor irgendwann in der nächsten Woche reißen sich auch die Nigerianer noch einmal zusammen wie gegen Island und bringen die Albiceleste wirklich zum Weinen und ihren Superfan Diego dem Herzstillstand nahe.

Dann fliegt Lionel Messi auf verdienten Urlaub, weil er in einer Mannschaft leiden muss, die ihn nicht verdient hat. Und Neymar fliegt heim, bekommt aber vorher für seine schauspielerischen Leistungen im Spiel gegen Costa Rica gleich drei Preise: für Wehleidigkeit, Schwalbenflug und Mittelkreis-Weinerei. Mit diesen drei Preisen (und trotz eines Tores und sanften Ballstreichelns, Tricksens am Cornereck und mannschaftsdienlicher Spielfreude) setzt er sich in der Unsympathler-Wertung schon jetzt uneinholbar an die Spitze. Er, der freilich Geniale, verlässt sich darauf, dass diese Genialität alles andere überspielen kann. Tut es aber nicht. Man schaut hin und es überkommt einen nicht das Mitleid, weil Neymar immer hart angegangen wird, sondern es macht sich im Lauf des Spiels immer öfter Unlust breit, ihn beim Jammern sehen zu müssen.

Einschränkend muss über die Zukunft der Brasilianer und Serben aber gesagt sein: Das Momentum wird nach heutigem Stand im Spiel gegen Serbien auf Seiten der Brasilianer sein. Unerschütterlich erwiesen sie sich gegen tapfere Kraftlackeln aus Costa Rica (die schon definitiv heim müssen). Und dieses unerschütterliche Anspielen, entfaltet aus eng gezogenen Maschen, aus der kollektiven Überzeugung, dass alles gut wird, auch wenn es schon aussichtslos schien, endete schließlich in der 90. Minute in einem Tor nach einem Schuss von Coutinho - und sein Schuss, mit dem Spitz aus vollem Lauf, hatte etwas von einer Gewalttat, einem Befreiungsschlag, einer Entfesselungsnummer, die bloß eine Hundertstelsekunde dauerte. Dass dann, in der siebenten Minute der Nachspielzeit, auch noch Neymar zum 2:0 treffen durfte, war bloß eine Zugabe. Das brauchte keiner mehr (außer den vielen 2:0-Glücksrittern in der Tippgruppe). So ein Schlussminutensieg kräftigt. Die Serben hingegen lagen so schnell gegen die Schweiz voran, dass man noch gar nicht im Spiel war. Und danach waren die Serben das erste Team dieser WM, das eine Führung aus der Hand gab, obwohl nicht der Eindruck entstanden war, dass die Serben bloß noch zuschauen wollten. Es war ein Hin und Her, bei dem Systeme so rasch wie selbstverständlich verschoben wurden. Und weil die Schweizer gewonnen haben, sollten sich die Hop-Schwiiz-Rufer keine Sorgen machen.

Und allein, weil das alles höchst unterhaltsam war, sollten Serbien und Schweiz weiterkommen. Es wäre aufregend zu sehen, wie diese Systemumbastler in einem KO-Spiel agieren würden. Man möchte sehen, wie sie flink und abenteuerfreundlich ins Steile laufen. Und man möchte wissen, wie sie ihre Pässe ausbreiten und geduldig auf die letzte Möglichkeit warten, im Sturm rasend schnell zu werden. Das will man sehen. Und Neymar soll dabei weinend zuschauen müssen.

Aufgerufen am 19.09.2020 um 05:13 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/die-schweiz-so-geil-und-steil-29548735

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