Ein Minister geht ab ohne Kultur

Es hat sich eine Aufregung herumgesprochen, die ich schon wieder nicht verstehe. Es ist doch bloß ein Minister gegangen.

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Blog Bernhard Flieher
Minister Gernot Blümel bei seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. SN/www.neumayr.cc
Minister Gernot Blümel bei seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele.

Der Minister kam. Zu spät. Redete seine Rede. Kurz. Freundlich. Überreichte den Preis. Und ging wieder. Ein bisserl früh. Denn die Bepreiste, angereist aus London immerhin, hatte sich noch gar nicht bedanken können, genauer: Sie hielt eine hörenswerte Dankesrede, aber die hörte der Minister, der unter anderem für Kunst zuständig sein soll, nicht mehr. Da war er schon weg. Und wie nun zu hören und zu lesen ist, regt das viele auf. Viele sind verärgert, sprechen von Unhöflichkeit. Dabei ist bloß ein Minister zu spät gekommen, hat sich nicht entschuldigt und hat geredet. Dann ist er gegangen, hat aber wieder keinem gesagt, warum. Minister gehen öfter, ohne uns die Wahrheit über die Gründe dafür zu sagen, ohne uns umfassend zu informieren.

Wahrscheinlich war das der Stress des ersten Mals. Bei ihrem ersten Mal schlittern junge Menschen oft in eine Überforderung. Da kommt, sollte es überhaupt vorhanden sein, jedes Feingefühl abhanden, bevor es zu etwas kommen kann, das für alle Beteiligten eine Art Befriedigung darstellen könnte. Da kommt man in eine Hektik vor lauter Tun und tun müssen. Da ist alles ein bisserl viel. Weil die Festspiele, die sind einfach schon ein Riesending beim ersten Mal. Wenn du hierher kommst zum ersten Mal, kann's schon sein, dass man sich nicht mehr auskennt vor lauter Oper, und Konzert, und Schauspiel, und Kunst und vor lauter wichtigen Leuten, die man bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Und plötzlich steht man ihnen, wenn schon nicht auf Augenhöhe, so aber Aug' in Aug' gegenüber, trifft sie, schüttelt ihre Hände, trinkt ein Schlückchen mit ihnen auf einer Party. Es sagt sich auch für einen Minister oder einen Bundeskanzler leicht in jeder Rede, dass es das schönste und beste und größte Festival überhaupt auf der ganzen, dem Minister oder dem Bundeskanzler bekannten Welt ist. Aber wenn man dann auf einmal professionell drin steckt in dieser Größe - der wirklichen des Festivals und der vermeintlichen des Amtes -, dann schaut das halt gleich anders aus.

Vielleicht also musste der Minister ja ein Buch fertig lesen, bevor er zu spät kam zur Literaturpreisverleihung. Oder er musste sich noch schnell in ein Libretto vertiefen, zur Vorbereitung auf die abendliche Oper, die für ihn eine Premiere mit all den Fotografen und dem glänzenden Getue ist. Womöglich musste er recht lang warten auf einen schnellen Espresso, weil die Kaffeehäuser der Stadt in diesen Tagen ja heillos überfüllt sind. Oder er staute durch die Stadt, die sein Chef, der Bundeskanzler, als "Visitenkarte des Landes" bezeichnet. Vielleicht lag der Stau daran, dass es ein parteipolitisch inspiriertes Missverständnis gab mit dem Innenministerium und die Polizei gab der britischen Premierebesuchs-Ministerin Theresa May Vorrang, weil die wieder irgendwo hinaus will. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich im Sommer in Salzburg zu verspäten oder vor der Zeit noch ganz schnell weg und irgendwo anders hin zu müssen.

So kam der Minister, der in Österreich für die Kunst zuständig sein soll und der dabei wirklich schicke Anzüge trägt (worin bei dieser Regierung tatsächlich ein Markenzeichen zu erkennen ist), also zu spät und ging früh. Und er sagte kein Wort darüber, warum das so war. Das ist natürlich unhöflich und kein Zeichen des Respekts und weil es bei einer durchaus bedeutenden Angelegenheit passierte, macht es nun schnell die Runde. Bei irgendeiner Party wär's wahrscheinlich keinem aufgefallen, dass ein Minister, der unter anderem für Kunst zuständig sein soll, abgeht.

Verliehen wurde allerdings in dieser bloß kurzfristigen Anwesenheit dieses (unter anderem) zuständigen Ministers der "Österreichische Staatspreis für europäische Literatur". Dieser Preis gehört zu den wichtigsten, international renommiertesten Auszeichnungen, die in diesem Land vom Minister, der sich für die Kunst zuständig fühlt, vergeben werden. Aber wie man hört, arbeitet die Regierung, in der der Minister unter anderem für Kunst zuständig sein soll, ohnehin daran, dieses Land umzubauen und zu ändern.

Gerne hätte ich jetzt noch von der Dankesrede geschrieben, die Zadie Smith gehalten hat. Sie hat nämlich, wie Laudator Norbert Mayer sagte, "das Herz einer großen Erzählerin". Zadie Smith trägt dieses Herz auch auf der Zunge. Aber das mit ihrer Rede geht sich jetzt nicht mehr aus. Sie ahnen es: Ein Termin jagt den nächsten in so einem Festspielsommer.

Aufgerufen am 01.12.2021 um 01:17 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/ein-minister-geht-ab-ohne-kultur-37095205

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