Eine End-Hymne für die Tour de France

Erstaunlich ist, was sich über Radrennen oder Festakte mit Gewissheit sagen lässt, ohne dass sie schon vorbei wären.

Autorenbild
SPIELPLAN 29/07 Bernhard Flieher
Geraint Thomas. SN/AP
Geraint Thomas.

Nun wird Geraint Thomas heute also tatsächlich die Tour de France gewinnen. Das ist ein eigenartiger Satz, nicht? Heute schon die Zukunft kennen, eigenartig oder? Es wird da ja ein Ereignis in der Zukunft beschrieben (heute, Sonntag, gegen 17 Uhr) und trotzdem kennen wir den Ausgang. Die letzte Etappe der diesjährigen Tour de France ist nämlich noch gar nicht gestartet. Dennoch ist klar, wer die Gesamtwertung gewinnen wird: zum ersten Mal der Brite Thomas. Egal wie groß oder klein der Vorsprung des Gesamtführenden ist, er wird nicht mehr attackiert. Er gewinnt (außer er stirbt oder stürzt und kann nicht über die Ziellinie fahren).

Im Theater oder in klassischen Konzerten gehört so eine Gewissheit über den prinzipiellen Verlauf eines Ereignisses, zur Normalität. Wenn Beethoven auf dem Programm steht, wird Beethoven gespielt. Erstaunlicherweise tut das der Spannung keinen Abbruch. Beethoven kann ja schnell, langsam, uninspiriert oder mit Esprit geboten werden. Bei Sportereignissen gibt es diese Gewissheit über den Ausgang im Prinzip nicht. Da herrscht der feste Glaube an die Chance in der letzten Sekunde (und wer bei der Fußball-WM zusah, erinnert sich, dass viele Tore überhaupt erst in der Nachspielzeit gefallen waren). Nur gibt es diese letzte Sekunde bei der Tour de France nicht. Die Tour de France, das erstaunlichste Sportereignisse weltweit und damit quasi verwandt mit den Salzburger Festspielen (wegen des Staunens, nicht wegen des Sportes) besteht auf herrlichen Traditionen. Eine davon ist, dass die letzte Etappe, sie führt in 116 flache Kilometern von Houilles auf die Champs-Elysses nach Paris, eine Art Party auf Rennräder ist. Erst am Ende, schon in Paris, wird es ernst und dort wird dann um den Tagessieg gesprintet. Für den großen Gesamtsieg nach 3351 Kilometern ist das egal.

Dass auf dieser Schlussetappe der Gesamtsieger von allen seinen Konkurrenten gefeiert wird, ist genauso Tradition, wie am Ende des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Festspiele zunächst die Landeshymne, dann die Europahymne gespielt wird (gesungen auch, aber davon sollte man schwiegen, wenn man dabei war). Gut, so Hymnen haben wenig mit einem Zielsprint zu tun, aber in beiden Fällen beginnt danach die Erholung.

Aufgerufen am 04.12.2021 um 08:45 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/eine-end-hymne-fuer-die-tour-de-france-37057135

Kommentare

Schlagzeilen