Fremdes Land: Mit Zauberflöte unterm Mond

Mozart macht Musik für den "Highway To Hell". Und ich nehm mir dorthin den Meister gerne mit.

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SPIELPLAN 28/07 Bernhard Flieher

AC/DC, die größte Rockband der Welt, hielt sich nie mit opernhafter Länge auf. Wer will schon stundenlang warten, bis das ohnehin bekannt Ende kommt? Die Australier wickeln Träume und Dramen in Vier-Minuten-Songs ab. Eines ihrer größten, in seiner Prägnanz absolut brillanten Werke trägt den Titel "Highway To Hell". Und tatsächlich sind Autobahnen ja perfekte Orte, um Traum und Drama, Wunsch und Wirklichkeit zu studieren. Da liegt daran, dass es auf Autobahnen keinen Anfang und keine Ende geben muss.

Auf der Gegenfahrbahn staut es gerade in die Ferien. In meiner Richtung gilt ein zentraler Satz aus dem AC/DC-Song: "Living easy, living free/Season ticket on a one-way ride". Irgendwie summt dieser Song fast immer mit, wenn ich abends, allein im Auto, an einem warmen Sommertag, irgendwo hinfahre. Und irgendwo im unauslöschlichen Teil des Hirns summt der Song sogar, wenn Ö1 läuft.

Ö1 ist kein AC/DC-Sender. Ö1 ist Festspielsender. Und jetzt ist Zauberflöte. Live aus dem Festspielhaus, und ich bin auf dem Weg an den See. Weil mehr noch als AC/DC und Mozart treibt mich allerdings der astronomische Zeitplan des Tages. AC/DC, die aufgrund diverser krankheitsbedinger Ausfälle der nicht mehr jungen Bandmitglieder wohl nie mehr auftreten werden, habe ich gesammelt auf CD. Für Mozart gilt Gleiches und ich habe außerdem eh für einen anderen Tag eine Karte. Jederzeit abrufbar. Aber der Mond, der wird nur heute rot.

Ich bin also auf dem Weg zu einem fein gewählten Plätzchen, um diese Mondfinsternis zu sehen. Denn bei allem Optimismus wird sich die nächste in hundert Jahren eher nicht mehr ausgehen. Da herrscht dann schon eine andere Finsternis. Und ich fahre Umwege, damit der Mozart sich in voller Länge ausgeht. Für Tamino halt ich auf einem einsamen Parkplatz. Bei Thalgau im Schatten des Schober und des Mars taucht dann die Königin der Nacht auf. Papagena und Papageno papapalieren sich dann schon am Seeufer hin zu ihrer Liebe. Und rundherum sind keine Menschen, nur der stille See, ein paar Lichter von den Häusern spiegeln sich im Wasser. Und um mich ist Nacht.

Dann lese ich ein paar Stunden später (und Sie können's bitte auch gleich tun in einer wie immer fein formulierten Nachtkritik), dass mein hochgeschätzter Kollege Karl Harb, die Instanz in Sachen Oper und klassische Musik, ratlos von der Inszenierung im Festspielhaus am Freitagabend zurückgelassen wurde. Das ist einerseits schön, weil Ratlosigkeit ohnehin ein Zustand des Glückes ist. Nichts ist doch schlimmer als eine Gewissheit. Erst recht in der Kunst, die den Zweifel als Grundtreibstoff braucht. Andererseits bin ich froh darüber, in der Erinnerung an den vergangenen Abend diese Ratlosigkeit nicht spüren zu müssen.

Ratosigkeit bei der Live-Begegnung mit der Opernwelt kenne ich. Ich bin da ganz schnell leicht überfordert, wenn musiziert, gesungen, geschauspielert wird, wenn sich dazu die Regie (und sei es eine noch so gescheite, interessante) Deutung ausgedacht hat, und wenn das Ganze in großen Sälen mit vielen Menschen stattfindet. Mir machen ja selbst die Überproduktionen der Popwelt zwischen Pink Floyd und Madonna Beschwerden und legen schonungslos Defizite klar, die wahrscheinlich irgendetwas mit der Kapazität meiner Aufnahmefähigkeit zu tun haben müssen. Ich plädiere für Verdichtung und Reduktion. Ich lese auch lieber selbst, als dass mir vorgelesen wird. Und wenn nur die Musik zu mir spricht, wenn ich mit ihr allein bin, dann bin ich niemals ratlos. Oder anders: Ich bin ratlos auf eine angenehme, selbst gewählte Weise. Ich bewege mich dann nämlich in einem unbekannten Terrain durch jene Teile meines Gehirns, die klaren Verstand und hemmungslose Hingabe in Einklang bringen. Nichts Theoretisches überkommt mich. Nichts Professionelles. Traum und Drama pur. Und das können Mozart und AC/DC gleichermaßen bewirken.

Und so war ich nach der Zauberflöte auf der Autobahn und am See keineswegs ratlos. Ich war angekommen in einem bekannten, und doch fremden, neue Blicke öffnenden Land. Über dem Schafberg - und zwar direkt über dem Gipfel - stand der Mond. In Rot. Die Sterne rundherum glänzten. Ein paar Flieger blinkten auf ihrem Wege nach irgendwo. Dort will ich hin. Oder bin ich längst da?

Aufgerufen am 09.12.2021 um 02:59 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/fremdes-land-mit-zauberfloete-unterm-mond-37021609

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