Erst der Stau macht die Stadt groß

Am Rand von Salzburg herrscht die gleiche Bewegung wie in Los Angeles oder in New York.

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Spielplan 08/08 Bernhard Flieher
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Selbstverständlich ist es ein kompletter, gemeiner, hinterhältiger Blödsinn, Salzburg als "ein Provinznest, das immer nur sommers in einen Ausnahmezustand gerät", zu verunglimpfen. Das tat Leser N.F.. Vielmehr als "N.F." weiß ich leider nicht. Doch, das noch: Er reist seit Jahren aus der Oberpfalz an. Die Oberpfalz gilt nun weithin auch nicht unbedingt als Antithese zur Provinz. Oberpfalz ist wie das Innviertel - herrlich, aber recht viel Land. Aber egal. Was Herr N.F. schon auch noch mitteilte: Sie mögen es hier (er und seine Frau - in dieser Reihenfolge stand's in der Mail, aber egal). Die Stadt sei wunderschön. Und zwei, drei Mal gehen die beiden "sommers" (das ist ein so ein schönes Wort, das man gern öfter zitiert), um "etwas bei den Festspielen" zu sehen, denn "sommers geht's hier ja". Was so viel bedeuten dürfte wie: Sommers ist es auszuhalten in der Provinz. Weil sie aber auch schon einmal im Herbst da waren, weiß N.F.: "Sonst ist das hier Provinz". Und er verstehe gar nicht, warum in dieser Kolumne, "die ja nicht nur in Salzburg gelesen werden kann", das nicht einmal ausführlich thematisiert werde. Gut, wird gemacht. Jetzt. Hier. Sofort. So viel Service im Worldwide-Kolumnenland für den Leser muss sein, von wo immer er kommen mag.

Und es gibt freilich diese Momente, in denen die Stadt einer Weltstadt gleicht. Das kann Herr N.F. nicht wissen. Er schrieb nämlich, dass er "Jahr für Jahr mit Freude draußen am Attersee Quartier beziehe". Wer da draußen im Seenland logiert, dem entgehen diese großstädtischen Momente. Denn wenn einer am Attersee logiert und nur hin und wieder in die Stadt kommt, dann müsste es schon ein sehr großer Zufall sein, dass diese Anreise in die vorübergehende Nicht-Provinzstadt genau dann passiert, wenn ein schweres Unwetter vom Westen aus Salzburg kommend aufzieht. So ein Gewitter macht die Stadt aber richtig worldwide.

Schwere Wolken schleichen sich an Gaisberg, übers Thalgauegg und dann an Schober und Drachenwand dahin, bleiben schließlich an Schafberg und Höllengebirge hängen. Quasi direkt über der Badefreude, die dann schnell vergeht. Und wenn der Himmel nur die geringste Wahrscheinlichkeit eines Gewitters andeutet, beginnt der Exodus. Dann machen sich alle gleichzeitig auf den Weg. Und die meisten machen sich auf den Weg Richtung Salzburg.

Wenn das - wie so oft bei Gewittern, weil die den Seen-Freunden ja nicht den ganzen Tag versauen wollen -, am späten Nachmittag passiert, kommen zu den badenden Heimfahrern auch noch die pendelnden Nachhausfahrer dazu. Und man dann vom Osten her kommend auf der A1 an der Ausfahrt Salzburg-Nord noch gerade nicht ganz im Stau vorbei rutschen kann, blickt man spätestens kurz nach der Ausfahrt hinunter auf die Stadt. Und man blickt den Hügel hinunter nach vorne auf die Fahrbahn Richtung Westen und auf die Gegenfahrbahn auch. Autos. Autos. Autos. Und ist nicht gerade diese Bewegung im Stillstand ein klares Merkmal des Urbanen, zeichnet sich nicht eben durch die Menge der Bewegung die Großstadt aus?

Weil die Wolken tief hängen, haben alle Autos die Lichter an. Eine lange glänzende Schlange. In beiden Richtungen. Auf der einen Seite grelle, helle, auf der anderen Seite höllisch rote Lichter. Und weil weit im Westen irgendwo über dem Chiemsee die Sonne schon wieder ein bisschen unter den mächtigen Wolkenformationen hervor blinzelt, wirkt das wie in einem Western. Fred Zinnemann hätte es nicht besser drehen könne. Und Caspar David Friedrich, der Meister des Lichts, hätte es nicht schöner malen können. Und wie sich da am Rande der Stadt, die in ihrem Herzen vielleicht das Provinzielle trägt, aber an ihren Ränder, wo sie umfahren wird, das Städtische jeder Stadt hat, fallen einem Roadmovies ein. Diese Filme, in denen Hoffnungsvolle, aus denen dann ganz schnell Loser werden, sich im Stau auf das abendliche Los Angeles oder das glitzernde New York zubewegen. Gut, man kommt dann nur in Salzburg an (oder fährt vorbei). Aber draußen auf der Autobahn ist jetzt im Schatten des Gewitters und im Licht seines Endes alles Los Angeles oder New York. Und weniger Provinz geht ja bitte nicht.

Aufgerufen am 28.11.2021 um 10:50 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/erst-der-stau-macht-die-stadt-gross-38488723

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