Endlich, Skandal! Ed Sheeran gegen Hans Neuenfels

Ein harmloser Sänger füllt Stadien und ein ehemaliger Revoluzzer macht Oper ohne Aufregung.

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Spielplan 07/08 Bernhard Flieher
Ed Sheeran SN/APA (dpa)/Maurizio Gambarini
Ed Sheeran

Vor 17 Jahren ... da war irgendwas. 2001 war's. Gerard Mortier war seine letzten Wochen Intendant der Salzburger Festspiele. Es war der sechste Sommer von Helga Rabl-Stadler als Präsidentin. Hans Neuenfels inszenierte in jenem Sommer "Die Fledermaus". Und Ed Sheeran war damals zehn Jahre alt. Jetzt ist Sheeran 27 Jahre alt. Er ist einer der erfolgreichsten Popsänger der Gegenwart. Heute und morgen spielt er in Wien. Hans Neuenfels ist 77 und seine Inszenierung von "Pique Dame" wird noch fünf Mal im Großen Festspielhaus gespielt. Ausverkauft seit einem Jahr, der Sheeran; ausverkauft seit Wochen, der Neuenfels.

Gut 250.000 Menschen besuchen die Salzburger Festspiele. Das sind viele, sehr viele. Kommt nur darauf an, wie man rechnet. Wenn zum Beispiel heute und morgen Ed Sheeran im Wiener Ernst-Happel-Stadion spielt, braucht er bloß zwei ausverkaufte Abende um etwa halb so viele Leute zu bespielen. Meist tut er das nur mit seiner Gitarre, was nicht schlecht ist, wenn man so allein in einem riesigen Stadion steht. Ed Sheeran macht Musik, die alle mögen können. Deshalb bekommt Ed Sheeran Attribute wie "Liebling aller" oder "Lieblingsschwiegersohn". Über Hans Neuenfels war dieser Tage zu lesen, er sei der "Urvater des Regietheaters". Das ist eine Ehre und auch etwas Gefährliches, weil so einer denkt sich um einen Theater- oder Opernstoff oft mehr selber zusammen, als der Stoff selbst womöglich hergibt. Das ist also einer, der nicht wiederholt im Repräsentationszirkus, sondern - womöglich auch noch zeitgemäß - neu denkt. Das muss als böse Attacke verstanden werden, wenn man drin sitzen will und nicht mehr als nötig denken will. Da haben das Publikum im Theater und das Publikum bei Popkonzerten oft mehr gemeinsam als beide Publikumsgruppen zugeben möchten.

Über Sheerans Kunst, er schreibt simple, schöne Songs, lässt sich in jedem Fall weniger nachdenken als über die von Neuenfels. Und der Neuenfels, so wird seit Tagen gerne geschrieben, ist nun 17 Jahre nach dem "Skandal" wieder in der Stadt. Genau, das war's, was vor 17 Jahren war. Skandal! Neuenfels inszenierte "Die Fledermaus" - und wie er das anlegte, war es eine Aufregung. "Skandal" wird dann gern geschrieben über etwas, das allen möglichen Erwartungshaltungen widerspricht. Der Skandal passiert aber gar nicht auf der Bühne, sondern er wird erzeugt wegen der Reaktion. Da muss sich Ed Sheeran übrigens keine Sorgen machen.

"Schockiert" sei das Publikum gewesen von der "Fledermaus" hatte die Austria Presse Agentur damals geschrieben. Neuenfels habe "seine Schuldigkeit getan", hieß es weiter. Sprich: Er hatte bloß erfüllt, was vermutet werden konnte von einem, der auf Konventionen nicht viel gibt. Womit wir schon wieder bei Ed Sheeran sind. Er wird tun, was er in den vergangenen Tagen in den Stadien in Hamburg, München, Zürich getan hat. Ein Song wird wie jeder andere am Tag zuvor klingen. Es wird wunderbar. Die Handys werden gezückt, wenn es romantisch wird, denn Feuerzeuge hat ja kaum noch wer mit wegen der ganzen Anti-Raucherei. Es wird herrlich. Das kann schon jetzt gesagt werden, auch wenn die Shows in Wien erst stattfinden werden.

Und bei Neuenfels? Da herrscht nun nach der Premiere der "Pique Dame" am Sonntag ein bisserl Enttäuschung. Nein, nein - nicht darüber, was geboten wurde. Da herrscht allenthalben Zustimmung, ja Begeisterung. Aber wie da und dort betitelt wurde, worunter dann berichtet wurde, liest sich ganz eigenartig. Es klingt ein bisschen nach zerstörter Hoffnung. Die einen schreiben, es sei eine "skandalfrei" Premiere gewesen. Die anderen schreiben, es war "ein Neuenfels ohne große Provokationen". Oder: "Nirgendwo kein Skandal" und "Der Skandal bleibt aus".

Da lässt sich doch eine eigenartige, vorauseilende Lust spüren nach der Aufregung, nach dem Skandal? Schon erstaunlich, wonach auch dort gegiert wird, wo angeblich bloß über die Kunst geschrieben werden will. All die Zitate stammen von Rezensionen auf Kulturseiten.

Das erinnert dann wieder ein kleines bisschen daran, dass beim armen Ed Sheeran so selten über seine Kunst nachgedacht wird. Gut, das ergäbe auch bloß kurze, flüchtige Gedanken. Wenn Ed Sheeran aber Katzenfotos online stellt, dann schwappt eine Welle durch das Internet. Dort nämlich haben 25 Millionen User (das sind nur 100 Mal so viele Menschen wie die Salzburger Festspiele besuchen) ein Abonnement seines Instagram-Accounts (oder besser: des Instagram-Accounts seiner Haustiere, den aber freilich der singende Katzenpapa bedient). Alle 16 Songs seines aktuellen Albums "÷" schafften es übrigens in die britischen Charts, und zwar gleichzeitig. Das hat die Ausmaße der Beatles. Das ist dann aber doch ein Skandal. Weil es heißt, dass offenbar nichts Besseres da ist, das es in die Charts schaffen könnte, als das immer selbe Lied unter einem anderen Titel.

Aufgerufen am 06.12.2021 um 05:13 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/endlich-skandal-ed-sheeran-gegen-hans-neuenfels-38484283

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