Für Mick Jagger gibt es niemals ein "Nein"

Der Mick hat Geburtstag. Aber was hat das mit den feinen Hotels der Festspielstadt zu tun?

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SPIELPLAN 26/07 Bernhard Flieher
75! Mick Jagger. SN/APA/dpa/Sebastian Gollnow
75! Mick Jagger.

Die Vorstellung, sich durch ein Leben ohne "Nein" zu bewegen, erinnert an alten Geschichten aus den frühen Zeiten der Rockmusik. Zum Beispiel die Geschichten. in denen ein legendärer deutscher Konzertveranstalter von jenen Tagen berichtete, als er Bands wie Led Zeppelin, The Who oder die Rolling Stones erstmals für Konzerte nach Europa holte. Rockmusik, so könnte man zusammenfassen, was der Veranstalter Marek Lieberberg da erzählte, war ein Gesamtpaket des Aufruhrs, eine Auslöschung vieler "Neins". Kreischendes Publikum. Ausschweifende Partys. Kaputte Hotelzimmer. Die Welt wurde erneuert, in dem sie wild umgebaut wurde. Da wurde nicht gerechnet, sondern nach Jedermanns Art gelebt: "Hie wird kein zweites Mal gelebt!/Nun weiß die aufgerissne Brust/als sie es nie zuvor gewusst,", heißt es bei Hofmannsthal. Und bei manchem aus der goldenen Ära der Rockmusik, aus den 1960ern, als mit E-Gitarren die Kulturgeschichte neu geschrieben wurde, hätte man damals vermuten können, dass dieses eine Leben der aufgeriss'nen Brust weit kürzer ausfallen könnte als beim Durchschnitt.

Die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen weltweit liegt ja bei etwa 72 Jahren (2015). Nun feiert Mick Jagger heute, Donnerstag, seinen 75. Geburtstag. Bei Paul McCartney wundert es einen weniger, dass er 76 ist und so zwischen Dirigent Mariss Jansons (75) und Regisseur Hans Neuenfels (77) liegt, die derzeit an der "Pique Dame" für die Festspiele arbeiten. Aber Jagger?! Der Mick, der wilde Hund?! Sicher, man weiß, dass der Mann seit langem ein gesundes und abgesichertes Leben führt. Kürzlich sah man ihn auch im VIP-Bereich auf der Tribüne beim WM-Spiel England gegen Kolumbien. Das erlaubt den Schluss, dass Jagger jedenfalls so gut im guten Leben angekommen ist, dass er über recht gute Verbindungen in Kartenbüros verfügen dürfte.

Das gesunde Leben in besten Kreisen sei ihm vergönnt. Er hat viel für uns getan. Und damit lässt sich gut alt werden. Da sagt doch keiner "Nein". Schon gar nicht, wenn der Mick anrufen lässt wegen Eintrittskarten. Aber es gab auch eine andere Zeit, in der Jagger zu den lautesten Anführern eines Lebens gehörte, in dem das "Nein" aus ganz anderen Gründen nicht vorkam.

Seine Gang, die Rolling Stones, sind heute einen sich selbst und Jahr für Jahr Hunderttausende in den Stadien der Welt an ewige Hits erinnerende Rockmaschine. Irgendwann waren sie der Inbegriff einer neuen Welt. Sie können noch so oft davon singen, dass sie keine Satisfaction bekommen würden, sie bekamen, was sie wollten. Doch sie haben nie danach gefragt. So jedenfalls hört sich das in den Erzählungen von Marek Lieberberg an, die der - auch schon wieder vor vielen Jahren - in einem Interview der Süddeutschen Zeitung anvertraut hatte. Unter anderem ging es in den Erzählungen um besondere Serviceleistungen in Hotels, nach denen keiner gefragt hat, die aber ganz automatisch zum Gesamtpaket gehören. Zum Beispiel schwang sich Keith Moon, Schlagzeuger von The Who, aus Gaudi, also ordentlich zugedröhnt mit allem, was zu kriegen war, auf einem Kronleuchter durch die Lobby eines Hotels in Deutschland. In Rechnung gestellt wurde der Schaden nach Moons und des Kronleuchters Absturz und der Zerlegung großer Teil der Lobby freilich nicht. Legion sind diesbezüglich auch die Geschichten über die Stones. Man kam, sah, und nahm, was man brauchen konnte. Einen Concierge brauchte keiner.

Heute ist das anders. So jedenfalls entnimmt man es in diesen Tagen des Glanzes und der Prominenz in Salzburg, diversen Berichten über die Quartiere der Angereisten. "Ein .Nein' gibt es bei uns nicht", wird da der Concierge eines Luxushotels zitiert. Das klingt immer noch nach dem selben Wörtchen "Nein" wie in den frühen Stones-Tagen. Ein "Nein" ist ein "Nein", möchte man gern glauben. Stimmt aber nicht. Im Lauf der Jahrzehnte hat die Bedeutung eines "Nein", das es nicht gibt, nachgelassen. Es liegt nicht an den Hotels. Es liegt an den Gästen. Um Aufruhr geht es nicht. Vielleicht um den Auflauf, den manches Promi-Gesicht vor dem Hotel auslösen würde, könnten die Promi-Geilen nur ahnen, dass das Promi-Gesicht genau hier logiert. Aber sonst? Keine fliegenden Kronleuchter. Keine Partys, die die Welt verändern, stattdessen Partys, zu denen die Fotografen der Hochglanz-Magazine gleich miteingeladen werden. Kein Rock, sondern sündteure Designerfetzen. Und so bezieht sich das "Nein", das es nicht gibt, auch nicht Ausschweifung. Wenn der Concierge davon spricht, dass man "das Unmögliche möglich mache", geht es um keinen Kulturschock. Es geht darum, dass man wisse, auf welchen speziellen Polstern manche Stammgäste liegen wollen, und es geht um das Auftreiben von Karten für eine ausverkaufte "Salome" oder eine andere Oper. Hauptsache drin und dabei sein. Und wenn es ganz außergewöhnlich wird, den guten Gästen kein "Nein" sagen zu müssen, dann geht es manchmal sogar um das Leasen eines Hubschraubers, sagt der Concierge. Da lacht der Jagger Mick irgendwo auf einer seiner Inseln wahrscheinlich und macht sich auf den Weg zu seinem eigenen Jet. Und wir winken und sagen: Alles Gute zum Geburtstag, Alter! Und, liebe Stones, spielt live vielleicht wieder einmal "Get off of my Cloud" und dann "Oh, Baby (We Got a Good Thing Going)".

Aufgerufen am 27.11.2021 um 04:46 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/fuer-mick-jagger-gibt-es-niemals-ein-nein-36934156

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