Ich mag dieses Wort nicht, aber WENN, ja WENN . . .

Meine Schwester Bernadette war im Slalom auf dem Weg zu Gold, kann aus der riesigen Enttäuschung aber als bessere Sportlerin hervorgehen. Meine Gedanken zum Mythos Olympia, zum ÖSV-Team und zu Mikaela Shiffrin.

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Gedanken-Slalom Marlies Raich
Aus der Traum mit Gold vor Augen. SN/APA/AFP/FABRICE COFFRINI
Aus der Traum mit Gold vor Augen.

Ist ein olympisches Rennen ein Wettkampf wie jeder andere, oder ist es doch viel mehr? Grundsätzlich stehen dieselben Tore, es ist auch einfach nur eine Loipe, eine von vielen Sprungschanzen, das Eis im Eiskanal ist genauso gefroren wie anderswo und der Schnee ist, Gott sei Dank, auch weiß. Dennoch findet es nur alle vier Jahre statt und Olympiasieger bleibt man bekanntlich ja sein Leben lang. Der Hype um Olympia boomt nach wie vor.

Hierbei als Athlet cool zu bleiben, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen, und sich nur auf seinen Wettkampf, seine Leistung und den Weg dorthin zu konzentrieren ist freilich nicht so einfach. Auch nicht, wenn man seine Unterkunft nicht verlässt, sein Smartphone abdreht und mit Scheuklappen durch die Gegend läuft. Ich würde sagen, so ein bewusstes Abschotten von der Umwelt macht erst recht nervös, was es vielleicht noch schwieriger macht erfolgreich zu sein.

Wenn man für eine Wintersportnation wie Österreich nominiert ist, dann ist dabei sein für die Meisten nicht alles. Man will sich selbst und sein Land stolz machen. Ich durfte vier Mal Edelmetall von Olympischen Spielen mit nach Hause nehmen und die Momente des Gewinnens und des Feierns vergisst man sein Leben lang nicht.

Katharina Gallhuber hat es geschafft. Im Weltcup noch nie auf dem Podium, carvt sie zu ihrer ersten olympischen Medaille. Den Moment und die Emotion als ihr klar wurde was sie geschafft hat, wird sie mit Sicherheit nie vergessen und wahrscheinlich auch erst, wenn sie zu Hause ankommt und es ruhiger wird, richtig realisieren können. Ich vergönne es ihr von Herzen. Sie ist eine junge, talentierte Athletin. Dieses Gefühl und das Selbstvertrauen des Erfolgs gilt es jetzt in den Weltcup mitzunehmen. Auch die Leistung von Katharina Liensberger gilt es lobend hervorzuheben. Die Mädels kannten keine Zurückhaltung und die Begeisterung für die Spiele, die die junge Debütantin im Interview gezeigt hat, ist sehr erfrischend und ansteckend!

Bei all der Freude habe ich jedoch im Hinblick auf den Slalom ein sehr großes weinendes Auge. Ich mag das Wort "Wenn" in Zusammenhang mit dem Ausgang eines Rennens eigentlich nicht, schon gar nicht wenn ich über meine Schwester schreibe, aber nach diesem Rennen muss ich es doch einmal verweden… WENN Bernadette diesen "Traumlauf" ohne Fehler ins Ziel bringt, wäre sie Olympiasiegerin geworden. Was bleibt, ist natürlich große Enttäuschung, Ärger und auch sie wird diesen Moment nur schwer vergessen können. Auch das ist ein Phänomen der Olympischen Spiele: sie befindet sich jetzt an einer Weggabelung. Durch das "Alles oder Nichts"-Prinzip hat sie nun gesehen und gespürt wozu sie fähig ist. Wenn sie sich das vor Augen führt, für die Zukunft abspeichert und nicht den anderen Weg wählt, auf dem sie der verpassten Chance ewig nachtrauert und anstatt der guten Schwünge nur den Moment des Fehlers im Kopf behält, können wir uns noch auf einige spannende Rennen in den nächsten Jahren freuen!

Die nächsten Spiele kommen bestimmt und die große Slalomsiegerin Frida Hansdotter musste auch viele Jahre dafür kämpfen. Die "ewige Zweite" darf sich Gold umhängen, auch das ist eine der Geschichten, die nur Olympische Spiele schreiben können!

Die große Favoritin, Mikaela Shiffrin, war im Slalom nicht dort zu finden, wo normalerweise ihr Stammplatz ist. Von ihr weiß man, dass sie sich oft nur selbst schlagen kann. Diesmal sehe ich das anders. Ihre Konkurrentinnen waren an diesem Tag, auf diesem Hang und bei diesen Verhältnissen einfach besser. Auch im zweiten Durchgang konnte sie keinen ihrer Traumläufe abrufen und ist einfach nicht wie gewohnt ins Fahren gekommen. Gold im Riesenslalom hat sie bereits in der Tasche, daher wird sie dieses Ergebnis verkraften können. Ehrgeizig wie sie ist, wird sie diese Läufe analysieren und wir können schon auf die Kombination gespannt sein.

Um auch noch auf den Riesenslalom zu sprechen zu kommen: Sehr positiv überrascht war ich von der Leistung von Anna Veith. Sie tastet sich auch im Riesenslalom langsam wieder an die Weltspitze heran und ihre guten, so feinen und schnellen Schwünge werden wieder immer mehr. Ich freue mich schon auf ihre Auftritte in den Speeddisziplinen!

Der Blick auf den österreichischen Medaillenspiegel ist mittlerweile schon sehr ansprechend, noch dazu kommen die Technikbewerbe von Marcel Hirscher und unseren Technikherren erst noch. Marcel hat schon eine Goldmedaille über die er sich sicher sehr gefreut hat. Diese Medaille ist sehr bereichernd für seine Statistik, jedoch bin ich überzeugt davon, dass Gold in den Technikbewerben noch mehr Wert für ihn hat. Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um sagen zu können, dass Marcel der große Favorit auf drei Goldmedaillen ist! Wir können uns nächste Woche noch auf einiges freuen.

Marlies Raich ist Weltcup-Rekordsiegerin im Slalom (35) und elffache Medaillengewinnerin bei Großereignissen.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 08:04 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/ich-mag-dieses-wort-nicht-aber-wenn-ja-wenn-24321139

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