Im richtigen Fetzen durch das Bierzelt der Kunst

Tief ins Innere sollte es gehen, aber wegen des Kleiderzwangs bleibt doch alles nur Schale.

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Blog Bernhard Flieher
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Aufgefallen ist mir das Wort "Kleiderzwang". Dabei wollte ich nicht mehr über Hochfeste der Äußerlichkeit schreiben, über die Spiele aus Tüll und Hülle, Blendung und Seide, Mascherl und Krawatte, die sich abspielen vor dem ersten Takt. Aber wo es - wie ich da grad lese - Orte gibt, an denen "kein Kleiderzwang herrsche", wird doch schon in diesem einen Satz auch das Gegenteil behauptet. Wenn es Ort ohne Kleiderzwang gibt, muss es konsequenterweise freilich auch welche mit Kleiderzwang geben. Mir fiel das Freibad ein. Aber es geht jetzt nicht ums Freibad. Es geht nicht um die Eindämmung des Exhibitionismus. Schon klar, im Freibad gibt es auch eine Art Anstand in Form letzter Stoffreste. Und die wenigsten Menschen möchte man ja wirklich ganz nackt sehen. Da kann man Jahrtausende später dem Erfinder des Lendenschurzes noch immer dankbar sein. Nein, es geht um das absolute Gegenteil der Nacktheit. Als die Rede auf den "Kleiderzwang" kam, ging es also um die richtigen Fetzen. "Richtig" im Sinn von (an)passend, im Sinn einer Korrektheit, im Sinn einer Grenze dessen, von denen manche behaupten, sie trennten das, was geht und das was nicht passt. Aber bevor wir hier uns Politische abdriften: Es geht um nichts Bedeutendes, es geht bloß um G'wand. Aber es geht eben nicht, dass jeder daher kommt, wie es ihm grad passt. Doch! Wenn auf der Pernerinsel oder im republic bei den Festspielen großes Theater gemacht wird, dann geht das schon. Da geht man hin, wie man will. Da gibt's nichts Passendes. Da zieht man an, was man hat, wenn man eine Eintrittskarte hat. Sonst ist eh alles wurscht, weil ohne Eintrittskarte kein Kulturtempel, wo dann angeblich Etikette herrscht. Also sagte kürzlich die Protokollchefin der Salzburger Festspiele, dass auf der Pernerinsel und im republic kein Kleiderzwang herrsche. Alles andere - wann ein Smoking, wann kurz berockt, wann lang gerobt - habe ich vergessen. Wahrscheinlich hab" ich"s vergessen, weil ich gar keinen Smoking habe und ich mich bei Frauen immer eher an ihren Musikgeschmack erinnere als an ihre Frisuren oder Kleider.
Aber freilich geht es immer auch um den Schein, um das Nichts-als-Schöne, um Glänzen und Glitzern, bevor es finster wird im Saal. Es geht ja auch um die Festspiele und die sind kein Bierzelt. Obwohl im Bierzelt eh viele richtig ordentlich angezogen sind, weil - so war im Zusammenhang mit den Vorschriften für ein passendes Outfit für die Festspiele auch zu erfahren - ein Dirndl oder Tracht gehen immer. Da heben sich dann unter Schürze und Lederhose eben doch alle Unterschiede auf zwischen Kunstgenuss, Ministerinnenhochzeit oder volkstümlichem Humptata-Zelt auf. Ein Dirndl sei etwas sehr Schönes, in dem jede Frau gut aussehe, war da zu lesen. Ich war schon öfter beim "Jedermann", der größten Dirndl-Modeschau der Theaterwelt. Ich war auch schon auf Trachtenhochzeiten und sogar an manches Bierzelt habe ich noch Erinnerungen. Und darum weiß ich: Das mit dem "jede schaut im Dirndl gut aus" stimmt leider nicht. Das ist jetzt unhöflich, ungehobelt, gegen jede Etikette - aber es stimmt. Nur gut, dass kein Meinungszwang herrscht. Und in der Oper war ich neulich auch in Jeans, weißem Hemd und Turnschuhen.

Aufgerufen am 23.10.2018 um 05:03 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/im-richtigen-fetzen-durch-das-bierzelt-der-kunst-39066622

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