Wenn Hände das Spiel entscheiden

Spiele werden durch Tore entschieden - oder knapp davor mit den Händen.

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Matchplan 09/07 Bernhard Flieher

Noch kann alles passieren. Noch kann ein Ball daherkullern, wie damals der Ball von Didi Hamanns Fuß kullerte. Das war in Wembley. Im heiligen Dom des englischen Fußballs. Und es war auch noch im alten Wembley-Stadion, das in einem Land, das geschichts- und traditionsversessen ist, freilich für immer noch mehr Tempel sein wird, als es das neue Stadion jemals werden könnte. Es war also das letzte Spiel im alten Stadion.

England hatte sich die Deutschen im Oktober 2000 eingeladen für die letzten 90 Minuten nach 77 Jahren. Und dann riss - so schrieb der Guardian - Didi Hamann dieses Stadion ab, weil der englische Goalie David Seaman tat, was quasi auch einer Tradition entspricht: Hamann schoss einen Freistoß; besser: er ließ einen Ball aus 32 Metern Entfernung Richtung englisches Tor kullern und Seaman schaute zu. 1:0. Das war's an diesem Abend. Und nun kommt dieser Jordan Pickford und macht sie kaputt, diese Tradition des Eiergoalies, des Danebengreifens, des Irrens und der Leere, aus der in England nie eine Lehre gezogen worden war. Und dieser Pickford fängt sicher, steht richtig und hat seine Vorderleute im Griff. Und wie sagte der englische Trainer Gareth Southgate zu Beginn des Turniers: "Wir haben den Deutschen genau zugeschaut." Was Southgate tatsächlich vor der WM getan haben muss, sonst hätt' er ja nicht viel zum (ab)schauen gehabt.

Bisher also passiert bei dieser WM, was den Engländern noch nie passierte. Sie haben einen Tormann. Bisher.

Denn noch kann alles passieren. Zunächst gegen Kroatien. Und dann, wenn gegen Kroatien nichts passiert ist, kann es gegen Frankreich oder Belgien passieren. Und weil die Bälle so böse fliegen, rotieren, sich nicht an früher ausgemachte Fluglinien halten, ist es schnell passiert. Und dann ist womöglich auch Jordan Pickford der Depp. So ein Depp, wie es so viele seiner Vorgänger im englischen Tor gewesen sind. Jener Jordan Pickford also, der vor der WM erst drei Länderspiele auf dem Konto hatte und der sich nun anschickt, Zerstörer jenes Mythos zu werden, nachdem die Engländer eh alles haben außer einem guten Goalie. Bisher.

Solche Sorgen müssen sich die anderen Semifinalisten nicht machen. Da gibt es einerseits nicht diesen Insel-Mythos, der über jeder Parade kreist wie ein Geier, der wartet, das Aas der Niederlage zerlegen zu können. Ganz im Gegenteil: Hugo Lloris und Thibaut Courtois sind Erben großer Torwart-Tradition in ihren Länder. Namen gefällig: Georges Camus, Bernard Lama, Jean-Marie Pfaff.

Lloris und Courtois gehören zu den Stillen. 2010 übernahm Lloris in Frankreich von Fabien Barthez und ist mit 103 Partien mittlerweile Rekord-Nationalspieler. Erfahrung macht sicher. Courtois hat bisher 63 Mal für die Belgier gespielt und steht seit 2014 als Nachfolger von Peter Cech bei Chelsea im Tor. Ruhige Typen mit langen Händen sind sie, so ruhig, dass sie nur tun, was Torleute tun: Sich nur dann ins Spiel bringen, wenn es unbedingt notwendig ist, dann aber wird konsequent zugegriffen.

Und dann ist da noch Danijel Subasic, der im Gegensatz zu den anderen drei bei dieser WM schon einen Rekord eingestellt hat. Er hielt vier Elfer im Elferschießen (drei gegen Dänemark, einen gegen Russland). Das schaffte bisher nur der argentinische Torwart Sergio Goycochea bei der WM 1990 gegen Jugoslawien. Nun hoffen natürlich vor allem die Engländer, dass Subasic erst gar nicht die Gelegenheit bekommt, diesen Rekord zu übertreffen.

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