Make Deutschland Kroos again

Ein Freistoß ist kein Spiel und einem Abgrund zu entkommen, bedeutet noch gar nichts.

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Matchplan 24/06 Bernhard Flieher

Ein großer Reiz des Fußballs liegt darin, dass sich der Abgrund oft sehr gut spüren lässt, dass man ahnt, wie nahe der Abgrund ist, dass man die Kante, an der der Abgrund beginnt, aber trotzdem nicht genau erkennt. Also wird getaumelt, gestrauchelt - was im Fußball auch immer heißt, dass Bälle am Tor vorbei gehen, die bei größerer Sicherheit mit größter Wahrscheinlichkeit drin gewesen wären (man könnte Mario Gomez oder Thomas Müller als Zeugen befragen). Aber am Rand des Abgrunds gibt es keine Sicherheiten. Da gibt es ein Hoffen und Bangen. Und es gibt diesen letzten Rest an Überzeugung, dass doch noch alles gut gehen wird, dass man vorbeischrammt am Abgrund - oder dass der Abgrund vielleicht eh nur eine Einbildung war, herbeigeredet und bloß eine vorübergehende Erscheinung.

Als jedenfalls Toni Kroos in der Nachspielzeit der Partie gegen Schweden den Siegtreffer erzielt hatte, war der Abgrund plötzlich verschwunden, an dem sich Weltmeister Deutschland spätestens seit der Niederlage gegen Mexiko bewegt hatte. Kroos zirkelte den Ball ins lange Eck, Tor, Jubel, wieder im Rennen, wieder zurück. Und weil es ja - fast erwartbar, jedenfalls typisch bei dieser WM - die Nachspielzeit war, war einerseits keine schwedische Gegenwehr mehr möglich und andererseits kann wieder darüber geredet werden, dass die Deutschen halt genauso ihre Spiele gewinnen, mit diesem eisernen Willen, dieser Kampfkraft und dieser Bereitschaft, bis zur letzten Minute alles zu geben. Gut, es war die letzte Minuten. Gut, sie rannten bis zum Ende. Aber: Die Lösung ihres Problems in der Form eben dieses Freistoßtores von Toni Kross war nicht dem Willen und der Kraft geschuldet. Kross hatte einfach eine gute Idee und er setzte sie brillant um. Idee und Brillanz war zuvor nicht zu sehen. Kroos rettete am Ende nicht bloß Deutschland, sondern vor allem auch sich. Denn Kroos ist der Mann, der zuletzt oft ohne Idee und jenseits üblicher Brillanz für den Abgrund eine zentrale Rolle spielt.

Zunächst war das in dieser Partie ganz anschaulich und leicht nachvollziehbar. In der 32. Minute spielte Kross einen Fehlpass, wahrscheinlich der ohnehin erst dritte oder vierte in seinem ganzen Leben. Aber dieses Mal war es fataler, denn Kroos leitete das 1:0 der Schweden ein. Und dieser Fehlpass war die konsequente Folge einer Verunsicherung, einer Leere, die diesen Toni Kroos ergriffen haben muss. Er ist kaum zu sehen, wenn er brilliert. Er ist kaum zu sehen, wenn er nicht ganz so brilliert (was selten der Fall ist), nun aber ist er zu sehen und es läuft falsch. Die Körperhaltung von Kroos nach diesem Fehler, nach diesem Tor ließ vermuten, dass jetzt alles aus ist, dass der Flug in den Abgrund begonnen hat. Kroos trabte mehr als er lief. Er, sonst präzise wie eine Ballmaschine, lief am Spiel vorbei, dass doch über ihn laufen sollte. Aber wie soll es über ihn laufen, wenn ihm die Nebenleute fehlen und hinten zwischen einem desperaten Boateng, nicht wie sonst ganz sicheren Neuer und dem überhaupt fehlenden Hummels eine Offenheit herrscht, die jeden Konter zum Geschenk macht (selbst für Schweden, die mit ihren Chancen eh gar nichts anfangen können/wollen). Und die eine Offenheit ist, mit der es sich nicht frei nach vorne spielt. Kross braucht hinter sich eine Deckung. Hat er sie nicht, geht es schief (siehe Mexiko).

Also 1:0 für Schweden. Es war vorbei. Bis nach der Pause. Da plötzlich füllte Toni Kroos auf der linken Seite Räume, da spielte er wieder Pässe. Das führte schnell zum Ausgleich und dann auch immer wieder zu gleichen Mustern, die nichts brachten außer spektakulären Chancen. Aber es, so schien es, entwickelte sich der Glaube daran, dass man sich vom Abgrund wegbewegen kann. Es stieg also die Zuversicht, dass man sich dann doch noch retten könne - irgendwie. Im letzten Moment, ohne Spiel, aber mit einer großen Idee. Und so war es dann ja auch. Freistoß. Kroos. Tor. Und Kroos, der das große Zittern eingeleitet hatte, beendet dieses Zittern auch wieder. Jedenfalls an diesem Abend. Und gegen Korea wird alles gut ausgehen, weil Korea kein Gegner sein wird. Und wenn danach Gegner kommen, öffnet sich der Abgrund wieder.

Aufgerufen am 05.08.2020 um 07:36 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/make-deutschland-kroos-again-29588236

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