Marcel Hirscher bleibt ein Phänomen

Ein Ausfall ändert nichts daran, dass Marcel seine Karriere mit Olympiagold gekrönt hat. Mit sechs Ski-Medaillen dürfen wir zufrieden bilanzieren, obwohl noch viel Luft nach oben ist.

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Gedankenslalom Marlies Raich

Die klassischen olympischen Alpinbewerbe sind Geschichte. Und sie sind meiner Meinung nach so zu Ende gegangen, wie sie angefangen haben: für Österreich zufriedenstellend und international wiederum mit Überraschungen. Nichts wurde es aus der allseits erwarteten dritten Goldmedaille für Marcel Hirscher. Wenn Marcel davon spricht, dass es sich im Slalom abgezeichnet hat, so deckt sich das mit meinem Gefühl, dass sich die Verhältnisse durch die wärmeren Temperaturen stark verändert haben. Damit haben sich fast alle schwergetan und offensichtlich auch der beste Skifahrer der Welt. Trotzdem ist und bleibt Marcel ein Phänomen. Er ruft seine Leistung (fast) immer auf den Punkt ab und zeigt (fast) nie Schwächen. Mit zwei Goldenen lässt sich der Ausfall gut verkraften. Obwohl er immer nach Perfektion strebt - das wäre in dem Fall drei Mal Gold gewesen -, hat er in Südkorea seine Karriere gekrönt. Der Doppel-Olympiasieg wird ihn als Mensch nicht verändern, aber er bleibt den Menschen sicher in Erinnerung.

Überrascht haben meist die anderen

Henrik Kristoffersen hat die Chance auf Gold gehabt, aber auch er hat auf dem schmalen Grat zwischen Sieg und Niederlage nicht die richtige Linie gefunden. Und so gab es am Ende ein Slalompodest, auf dem ich nur einen erwartet hatte: Michael Matt. Er hat schon so oft gezeigt, wie schnell er ist. Oft war er trotz Fehlern auf dem Podest, zuletzt musste er mit Ausfällen Enttäuschungen wegstecken. So auch im ersten Durchgang, wo er wahrscheinlich nicht die optimale Materialabstimmung gefunden hat. Mit einem super zweiten Lauf hat er sich Bronze erkämpft. Er wurde belohnt, dass er nie aufgegeben hat.

In den letzten zwei Damenbewerben ist den Österreicherinnen nicht gelungen, was andere Athletinnen geschafft haben: zu überraschen. Der Aufschrei über die doch heftige Niederlage in der Abfahrt war deshalb nicht allzu laut, weil die Erwartungen dementsprechend niedrig waren. Das Gleiche gilt für die Kombination. Nach einem Generationenwechsel haben wir momentan keine Athletin mehr, die hier zu den Sieganwärterinnen zählt. Auch dass wir als Skination Nummer eins überhaupt nur zwei Athletinnen am Start hatten, muss die Alarmglocken schrillen lassen.

Wenn man es streng analysiert, waren beide Medaillen bei den Damen eine Überraschung. Anna Veith wurde auf ihrem "Weg zurück" mit Silber belohnt. Hut ab vor Annas Leistung. Ebenso vor Katharina Gallhuber und ihrem Slalom-Bronze. Alles in allem dürfen wir mit sechs Ski-Medaillen, davon drei in Gold, aber durchaus zufrieden bilanzieren. Außerdem gibt es noch viel Luft nach oben, weil vor allem die Jungen im ÖSV-Team viel lernen konnten.

Man lernt nie aus

Gelernt hat auch eine Ausnahmekönnerin wie Mikaela Shiffrin. Sie war in der Kombination mit Silber glücklich. Das ist durchaus verständlich, weil sie zum einen ihr Gold schon im Riesentorlauf gewonnen hatte und zum anderen im Spezialslalom gesehen hat, dass gar nichts selbstverständlich ist. Auf mich wirkte sie durch den Erwartungsdruck nicht mehr ganz so locker wie ich sie sonst kenne.

Der Teambewerb hat Zukunft

Abschließend noch ein paar Gedanken zu möglichen Reformen. Wir haben wohl zum letzten Mal eine olympische Kombination gesehen. Aus sportlicher Sicht würde ich sie beibehalten, von der Spannung her ist der Nachfolgebewerb, ein Parallelrennen, aber attraktiver. Apropos attraktiv: Da gehen beim abschließenden Teambewerb die Meinungen auseinander. Der hatte am Anfang nicht zu Unrecht den Namen "Er-und-sie-Lauf" bekommen. Aber mittlerweile hat das Format ein Gesicht und absolut seine Berechtigung bekommen. Ich vergleiche es mit den nordischen Teamkonkurrenzen, die traditionell einen sehr hohen Stellenwert haben. Warum nicht auch im Alpinbereich?

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:36 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/marcel-hirscher-bleibt-ein-phaenomen-24569569

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