Mühsam, mühsamer, aber Harricane

Die Trostlosigkeit und das Gewöhnliche regieren. Aber dann kommt eh Harry Kane.

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Matchplan 19/06 Bernhard Flieher

Puff. Paff. Bumm. Bumm. So hört sich Macht an, wenn sie auf dem Fußballplatz umgesetzt wird. Dann sitzen die Pässe, die Systeme greifen ineinander und flott geht's nach vorne und es wird geschossen. Und einer aus der recht jungen englischen Truppe, die ihre Macht da gerade nutzt, staubt einen Ball ab. Und Führung. Und Ausgelassenheit. Und so fällt einem wegen des Torschützen Harry Kane, das schöne, einen Neil-Young-Song umwandelnde Wort "Harricane" ein, das auch einem Waschblatt wie "The Sun" gut reinpassen könnte als Titel in eine Zwischendurch-Euphorie. Und alles scheint da nur mehr eine Frage der Höhe des Sieges, nur mehr eine Frage, bis man aus dem "calm in your eyes" dieses Hurricanes völlig "blown away" wird, bis dieses frische England weiter trifft. Frisch heißt in diesem Fall aber halt auch unsicher und oft zu schnell und zu ungenau. Beim ersten Hinschauen, sieht es trotzdem aus wie ein Kombinationsrausch. But stop it! Da standen gegen England nicht Schland und auch keine Gauchos auf dem Plan. Brasilianer waren keine zu sehen und schon gar keine Spanier oder Portugiesen. Es ging gegen Tunesien. Und so musste man im Laufe dieser Partie öfter einmal zwei Mal hinschauen.

Uff. Uff. Stöhn. Ächz. So hört sich Fußball an, wenn die zunächst rasant Machtvollen ihre Bemühungen einstellen (fast) und meinen, es geht eh von allein (beinahe). Nachlässigkeit verband sich mit frischem Unvermögen, in aussichtsreichen Situationen den Ball richtig zu treffen. Und was soll man denn den Engländern noch schenken (außer zwei Elfer verdächtigen Situationen, die nicht gepfiffen wurden), als eine hilflose tunesische Innenverteidigung? Den Ersatzgoalie Farouk Ben Mustapha, weil die erste Nummer eins Mouez Hassen sich früh verletzt? Ein Chaos in vielen tunesischen Aktionen? Tunesische Offensiv-Aktionen, von denen die Tunesier selbst überrascht schienen, dass die sich überhaupt ergaben?

Fahrlässigkeit gehört bei den Auftritten englischer Teams bei internationalen Ereignissen ja fast schon so zum Programm wie die Mythen umrankte Angst der Three Lions vor dem Elfmeter. Dann gibt's einen Elfer für Tunesien, das sich bemüht. Und Ausgleich. Damit ist die erste Halbzeit des Spiels Tunesien gegen England erzählt.

Und so war jede Leichtigkeit dahin. Gut, die Tunesier standen breit mit fünf Mann auf letzter Linie und davor, kämpften bisweilen vier, manchmal alle fünf Restspieler wie rotierende Störenfriede wacker für ein Remis. Da ist schwer durchzukommen. Und doch: Wenn es für Nachlässigkeit, also die Aufgabe der Macht, und für Schwitzertum einen Preis gäbe, ginge der nach der ersten Vorrunden-Runde eindeutig und wieder einmal an die Engländer.

Ach so, das ist ein kleines bisschen ungerecht beim Blick auf das Ergebnis. Denn England hat einen Kapitän, dem alle folgen und dem der Ball seit einiger Zeit scheinbar selbstverständlich zufliegt. Sie haben Harry Kane. Und der stand am Ende, schon in der Nachspielzeit nach einem Freistoß noch einmal haargenau richtig, wie es nur jene schaffen, die im Fünf-Meter-Raum den Riecher fürs richtige Plätzchen, die richtige letzte Bewegung haben. Und Kane drehte den Kopf nach dem Ball und der Ball war drin und danach sah die WM für England gleich wieder anders aus, jedenfalls auf der Tabelle. Und für Nordafrika sieht die Welt deshalb grausam aus. Kanes Tor nämlich prolongierte eine erste Serie bei dieser WM und diese Serie gehört Nordafrika. Ägypten, Marokko und jetzt auch noch Tunesien verlieren ihre Auftaktpartien jeweils nach Standardsituationen in den allerletzten Minuten.

Und wie Tunesien gegen England, einem Spiel, bei dem die Zeit schier gar nicht vergehen wollten, zogen und entwickelten sich auch die anderen beiden Spiel des Tages in die Länge.

Belgien gegen Panama: Debütant Panama - so viel darf jetzt einmal angenommen werden - wird ohne Tor und auch ohne Punkte heimfahren und dann wird daheim wieder Boxen und Baseball wichtig sein und nicht diese "Trendsportart Fußball", wie Panamas Boxlegende Robert Duran das Kicken nennt. Die Belgier können sich nach dem 3:0 gegen Panama (das die Belgier schafften, weil sie einfach solange gegen Panama anspielten, bis eben diese drei Tore gefallen waren) immer noch gefallen lassen, dass sie als Geheimtipp dieser WM gehandelt werden. Da hat sich nichts geändert zur Ausgangslage vor dem Match. Panama war nämlich kein Maßstab, an dem diese Einschätzung Belgiens einer neuen Bewertung hätte unterzogen werden können.

Und dann noch der 1:0-Sieg der üblich normalen Schweden gegen wuselnd bemühte Südkoreaner. Da war die Aufregung in Moskau in der Videobeweiskammer größer als auf dem Feld. Aber wenn wir den Videobeweis haben, dann haben wir ihn. Und dann soll er so zum Einsatz kommen wie bei diesem Spiel. Da pfiff der Schiedsrichter, informiert aus dem Moskauer Kammerl, hinein in einen südkoreanischen Angriff. Das war 13 Sekunden nach einer umstrittenen Aktion. Was aber, wenn dieser abgepfiffene Angriff mit einem Tor Südkoreas geendet hätte, fragte der Kommentator und verbarg damit seine Ahnungslosigkeit, indem er uns Zuseher in Unsicherheit wiegen wollte. Ja eben, was dann?! Dann wäre dieses Tor gefallen für Südkorea. Und danach erst hätte man den Videobeweis gescheckt und dann hätten wir Chaos und Tragödie gehabt, denn dann wäre das Tor nicht gezählt worden und es hätte diesen glasklaren Elfer für Schweden gegeben. Sowieso. So gab's einfach und berechtigt den Elfer für Schweden. Es stand danach 1:0. Und beide Teams taten weiterhin was sie konnten: nicht viel.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 08:55 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/muehsam-muehsamer-aber-harricane-29375842

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