Platz 3: Das sinnloseste aller Spiele

Belgien gegen England: Es muss noch einmal einer verlieren, weil die Fifa das so will.

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Matchplan 13/07 Bernhard Flieher

Nehmen wir einmal eine Zeile von Bob Dylan. "... and your long-time curse hurts / But what's worse, is this pain in here ...". Da singt der alte Meister freilich über eine Frau (übrigens auf "Blonde On Blonde" im 66er Jahr als England, naja Sie wissen schon …), aber egal jetzt. Es geht um lang anhaltenden, also tiefsitzenden Schmerz und es geht auch um diesen Plötzlich-Schmerz, dieses Stechen, diese Niederlage im Augenblick. Also übersetzen wir den Dylan einfach einmal sehr frei: Langer Schmerz tut weh, aber so richtig scheiße und ganz aussichtslos tut's weh, wenn der Schmerz genau jetzt und hier pulsiert. Etwa in dem Moment, in dem man bei einer Fußball-WM im Halbfinale ausscheidet. Da ist man weit gekommen (jedenfalls weiter als 28 andere), aber in dem Moment, da es aus ist, hilft das gar nichts. Das ist so, als müsste man am Mount Everest umkehren, obwohl man den Hillary Step schon hinauf gekraxelt war.

Aus dieser Sicht, muss man für den heutigen, vorletzten Tag der WM hoffen, dass sich die Belgier und die Engländer dieses sinnlose Spiel um den dritten Platz nicht sehr zu Herzen nehmen.

Nun, sie sollen schon spielen, was sie können, denn das verspricht beim Zuschauen ein Vergnügen zu werden. Ein Hin und Her vielleicht. Ein bisserl die Sinnlosigkeit aufs Feld übertragen, das System in Leichtigkeit auflösen, loskicken. Der Lukaku soll dann mit drei Toren in der ersten Halbzeit dem Kane noch einmal nahe kommen in der Torschützenliste. Und Kane köpfelt sich dann in der Nachspielzeit der Verlängerung doch zum Goldenen Schuh. Und sein Tor ist das Tor zum 6:6. So soll es ausgehen. Und im Elferschießen halten dann Jordan Pickford und Thibaut Courtois jeweils sieben von den ersten fünf Elfmetern (so wird es ganz spontan von Fifa-Chef Infantino gewertet, weil er plötzlich nicht Geld austeilt, sondern Extrapunkte für die Schönheit und Raffinesse der Torwart-Paraden). England verliert dann trotzdem, weil Gareth Southgate sich heldenhaft und nobel weigert - als er sich für den sechsten Elfer selbst nominiert - seine Weste auszuziehen: Das wertet die Fifa als modisch lässiges, aber politisch unzulässiges Statement. Die Fifa unterstellt Southgate nämlich, dass er "durch Eleganz etwas gutmachen wolle, wofür Belgien gar nichts kann und was seit 22 Jahren einzig eine Sache zwischen Southgate und den Deutschen sein kann". So etwas in der Art, das wär's doch für uns Unterhaltunggierige.

Aber es wird ganz nüchtern werden - nicht das Spiel hoffentlich, aber der Umstand, dass es einen Verlierer geben muss. Es wird an diesem Tag ein Team geben, das bei dieser WM sehr, sehr gut - und also so sehr gut - gespielt haben wird, dass es fast ins Finale gekommen wäre. So ein "fast" ist aber ein Schimpfwort in einer ergebnisorientierten Welt. Mit diesem "fast" hätte man aber beide Mannschaften getrost in den durch gute Leistungen ohnehin recht verkürzten Urlaub fahren lassen können. Aber nein, es muss noch ein Spiel her, mit dem ordentlich Geld verdient wird (und das - Europa ist im Fußball halt vor der Restwelt - die Uefa bei Europameisterschaften abgeschafft hat).

Und so wird eines der beiden Teams, die gerade eben mit gesenkten Köpfen vom Platz schlichen und den Finalisten gratulieren mussten, innerhalb weniger Tage schon zum zweiten Mal verlieren. So ist der Sport, so sagen die Hartherzigen, die bei jedem Spiel bloß aus der Sicht des Gewinners auf das Geschehen schauen, weil sie nichts anderes können. Weil ihnen das System, mag es noch so korrupt und verrottet und sinnlos sein, egal ist, solange bloß einer ein Tor mehr geschossen hat.

Aber es gibt auch andere. Und so ein anderer ist der niederländische Trainer Louis van Gaal, der diese Spiele um den dritten Platz mit eben diesem, guten Grund des Verlierens nach dem Ausscheiden für fruchtbar hält. Er hatte 2010 als Trainer der niederländischen Nationalmannschaft eben genau dieses Spiel spielen müssen. Er sagte damals, er halte dieses Spiel immer schon für unsportlich und zwar, weil "man damit ein Turnier, das so toll war, vielleicht als Loser beendet. Das hat mit Sport nichts mehr zu tun. Es kann nur ein Finale geben, und in dem muss es darum gehen, Champion zu werden." Und tatsächlich ist der Gewinner des Spiels um den dritten Platz bloß eine Notiz in den Geschichtsbüchern oder vielleicht einen Tag lang der etwas weniger deprimierte Nicht-Finalist.

Apropos Nicht-Finalist - oder bei dieser WM noch viel mehr: Nicht-Irgendwas. Die deutsche Nationalmannschaft, um die derzeit ein Chaos tobt aus Selbstzerfleischung, Legendenbildung und dem Verbreiten von so genannten Missverständnissen im hochpolitischen Fall Özil herrscht ("Das wahre Debakel" nennt es die "Zeit"), ein Chaos und Von-hinten-Niedergrätschen ist das, gegen das die sportliche Mittelmäßigkeit schon wieder wie ein Triumph wirkt - dieses Deutschland ist Rekordhalter an dritten WM-Plätzen. Sie musste dieses Spiel schon fünfmal spielen. Vier wurden gewonnen. Und da holen wir dann für die Feinschmecker der Ergebnis-Historie gegen Ende der WM sogar noch Österreich ins Spiel, das einmal um Platz 3 gegen die Deutschen antrat. Bei der Premiere des Spiels um den dritten Platz bei der WM 1943 in Italien war's. Für die Zahlenmystiker: Der Ergebnis lautete damals 3:2 - aber halt für Deutschland.

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