Russische Ordnung und Afrikas Stolpern

Kein Taralala für Mo' Salah: Die Russen marschieren. Die anderen stolpern durch Kuriositäten.

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Matchplan 20/06 Bernhard Flieher

Bei einer Maschine greifen alle Teile so ineinander, dass die Maschine am Ende ein Produkt ausspuckt und irgendwer wird sich darüber freut oder es brauchen kann. Die Idee einer Band oder eines Orchesters ist es, dass aus der Summe aller einzelnen Teile ein großer Klang entsteht, eine Harmonie, eine Gemeinsamkeit, in der die individuelle Kraft nicht verzichtbar ist, aber aufgeht im Sinn eines großen Ganzen. Dieses große Ganze war für die russische Mannschaft zunächst das Weiterkommen ins Achtelfinale, das nach dem 3:1 gegen Ägypten geschafft ist.

Den Russen, unterschätzt von außen und klein geredet im Inneren, ist bisher alles aufgegangen bei dieser WM. Sie sind Maschine. Sie sind Band. Sie sind Orchester. Sie kommen ohne diese ein oder zwei herausragenden Künstler aus, die bei anderen Teams stets die Aufmerksamkeit (und also konsequentes Pressing bis hin zur Manndeckung) auf sich ziehen. Deshalb - und weil dieses Kollektiv eine schier unerschütterliche Ordnung hält - haben die Russen im Gegensatz zu anderen, eine Menge von Varianten ans Ziel zu kommen.

Gegenbeispiele gab es in der ersten Vorrunden-Runde genug (und sage keiner, das seien halt übliche Anlauf-, und Anfangs- und Eingewöhnungsproblemchen, die können den vermeintlich Großen ganz einfach nicht zugestanden werden): Brasilien (Neymar), Deutschland (Kroos, Özil, Müller) und erst recht Argentinien (Messi) haben damit zu kämpfen, dass ihre zentralen Figuren zwar genial seinen können (müssen?), aber eben auch oft recht allein die Pflicht des Handelns nach vorne zu tragen haben. Wenn diese Künstler, wie in den ersten Spielen gesehen, massiv gestört werden, oder wie im deutschen Fall gar einer gewissen Lustlosigkeit frönen, entstehen Misstöne. Bei den Russen klingt alles gut. Jeder Ton sitzt. Und die Dynamik erreicht bisweilen ein Fortissimo.

Gut, die bisherigen Gegner der Russen - Saudi Arabien und nun Ägypten - dürfen nicht als letztgültiger Maßstab herangezogen werden. Doch die russische Maschine ist geschmiert und läuft. Ihr selbst auferlegter Auftrag ist nicht die Herstellung von Brillanz, sondern die kollektive Erarbeitung von Chancen und deren effektive Verwertung. Also haben sie schon acht Tore geschossen und können gegen Uruguay, den eher stärksten Gegner in der Gruppe A, im letzten Vorrundenspiel probieren, was sonst noch geht, ohne Angst haben zu müssen, dass der Ton in der Band (und ihr gegenüber) sich ändert.

Ägypten spielte der russischen Maschine allerdings auch gut ins Konzept. Zaghaft oft und am Ende, wenn es in die letzten Meter in den Strafraum ging (und auch im Strafraum selbst), zu ungenau, zu unsicher, zu schnell im Sinn von hektisch (was allerdings auch an der standsicheren russischen Verteidigung und deren guter, dichter Raumkontrolle lag - da war einfach wenig Platz und wenig Platz bedeutet wenig Zeit und wenig Zeit bedeutet, schneller Fehler zu erzwingen).

Endlich war aber Mo' Salah dabei und immerhin - auch wenn es "nur" ein Elfer war - schoss der Mann des Fußballfrühjahres ein WM-Tor. Salah aber war keine Hilfe, sondern nur der Mann, auf den die Blicke fielen, kaum dass er im Bild war. Wird er ideale Pässe bekommen? Wird er die Russen stehen lassen, sowie die halbe Premier League in den vergangenen Monaten). Er hätte es vielleicht getan, doch zwischen ihm, dem rasend dribbelnden Solokünstler, und seinen ägyptischen Mittelfeldarbeitern, war meist viel zu viel Leerraum und also auch Leerlauf.

Erstes Aus für Afrika also - und erster Big Point für Europa (fußballerisch darf man ja Russland schon noch zu Europa zählen).

Und doch gab es auch ein kleines bisschen Gerechtigkeit für die bisher oft erst in den letzten Minuten oder durch Eigentore geschundenen "Kleinen"! Für Senegal. Und sogar für das bisher inferior auftretende Asien, also Japan. Aber was heißt schon Gerechtigkeit? Sie ist kein Maßstab, sie ist - die Siege Senegals und Japans zeigen es - eine bloße Laune, die ein runder Ball halt manchmal gebiert. Gerechtigkeit ist nur ein schnell vorbeirauschendes Gefühl des Moments - nichts also, das sich berechnen oder austüfteln ließe, außer man lässt alles außer Betracht und schaut nur auf das Ergebnis.

Senegal (2:1 gegen Kolumbien) und Japan (2:1 gegen Polen) ereilte der Erfolg eher wegen Zufällen und Kuriositäten, als wegen klarer Ordnung oder effektiver Pläne. Das könnte man nun statistisch auseinandernehmen und taktisch zerlegen mit der Frage, wessen Unvermögen weniger schwer wog, um zu siegen. Beide Spiele waren eher geprägt von einer Kontrolle der Mängel als einer Kultur des Könnens. Man muss das aber nicht zerreden. Es reicht in diesem Fall durchaus sich darüber zu freuen, dass es diese Gruppe H gibt. Diese Gruppe H hat es seit der Auslosung schwer (fast so schwer wie Gruppe A), so richtig wahrgenommen zu werden. Wie ein Restanhängels an die wirklich wichtigen Gruppen wurden die H-Kandidaten behandelt - keine Favoriten drin, auch keine Legenden, über die sich anekdotisch-historische Geschichten mit Breitenwirkung erzählen ließen, geografisch gemischt wie keine andere Vorrundengruppe. Und nun, nach den ersten Spielen, ist klar, wie ungerecht eine solche Betrachtung ist: Nicht die Faszination der Spiele an sich, es waren ermüdende, von Gewusel und Fehlerhaftigkeit geprägte Hin und Hers, macht hier den Reiz aus. Der Reiz liegt im Kuriosen. Einerseits in der Kuriosität wie hier Tore fielen, andererseits in der herrlichen, Spannung erzeugenden Kuriosität, dass die beiden favorisierten Teams so wunderbar unvermutet ins Hintertreffen gerieten.

Aufgerufen am 11.12.2018 um 04:33 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/russische-ordnung-und-afrikas-stolpern-29418343

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