Wer nur spielt, ist bestimmt Terrorist

Waffen in den Straßen machen Angst vor einem wirklich unheimlichen Theater.

Autorenbild
Spielplan 03/08 Bernhard Flieher

Der Mann muss sich auskennen. Er sagt nicht nur "Waffe", als er anruft. Er sagte "Langwaffe". Unsereins - geschult im besten Fall von John Wayne, Bruce Willis oder James Bond - hätt' "Pistole" gesagt, oder "Gewehr", oder "Kanone". Aber der Mann hat, so wird übereinstimmend berichtet, "Langwaffe" gesagt. Das macht den Unterschied. Das weist auf eine zeitgemäße Schulung hin. Angst bekommen. Gefahr lokalisieren. Truppe anfordern. Daran erkennt man die neuen Wachsamen. Da schaut einer also aus dem Fenster und sieht unten auf dem Platz die Gefahr, wo unsereins nur ein Theater sieht.

Das Theater soll ja bitte auch dort bleiben, wo es hingehört. Es gehört in einen geschützten Raum, erst recht, wenn rundherum alles in Unsicherheit bröckelt. In einem Theater herrscht mannigfaltige Sicherheit. Nicht nur, weil manchmal Handtaschen durchsucht werden, die man dann eh an der Garderobe abgeben muss. Auch, weil sich in die geschützten Räume keiner begibt, der nicht zwischen Leben und Vorspielen unterscheiden kann. In diesen Räumen kann der Frank Castorf dann aus Knut Hamsuns "Hunger" stundenlang machen, was er will. Da sollen sich auch die Perser die Schädel einschlagen. Da kann es der Luk Perceval einen halben Tag lang noch einmal bluten und morden lassen beim "Schlachten". Und da können die Schwerter fliegen, wenn der Peter Stein den Julius Caesar erstechen lässt. Applaus am Ende. Raus. Aus. Für Nach- und Nebenwirkungen wird keine Garantie übernommen. Und wer Karten kauft, weiß, dass es ein Spiel sein wird.

Das hat der Mann nicht wissen können, als er die Langwaffe erkannte. Er schaut aj nicht ins Theater. Sie spielten unten auf der Straße, im öffentlichen Raum. Und dort muss ja nun wirklich kein Theater mehr spielen. Ist doch ohnehin genug Show geboten. In Salzburg sowieso. Aber wohl auch in Graz.

Dort findet dieser Tage wieder "La Strada" statt. Das Festival gibt es seit Jahren, nicht zu verpassen ist es. "La Strada" gehört zu den sympathischen Festivals dieses Landes, weil es unterhaltsam ist, aber qualitativ hochwertige Ereignisse parat hat, weil es Kunst bietet und trotzdem Passanten stehen bleiben, die nie ein Theater gehen würden. Passanten? Nun, die Fellini-Fans oder Italophile haben es sich schon übersetzt: "La Strada" ist nicht nur ein Festivalname. "La Strada" beschreibt auch gleich den Ort des Geschehens. Straßenkunst! Aber die Straße ist hauptsächlich ein Ort des Verbrechens, der Unsicherheit. Sie muss besser geschützt werden. Auch von Anrainern mit waffenkundlichen Kenntnissen. Wer sich mit dem Unterschied zwischen Pistole und Langwaffe auskennt, muss nicht zwangsweise den Unterschied zwischen Terrorgefahr und Theatergruppe erkennen. Der hat andere Sorgen.
.
Also rückte in Graz die Polizei aus, weil sie von einem Anrainer gerufen worden war. In einer Inszenierung bei "La Strada" war ein Schauspieler nämlich mit einer Waffe - als Theaterwerkzeug - zu Gange. Die Polizei war schnell zu Stelle. Die Situation klärt sich dann noch schneller. Dass die Einsatztruppe von den Theaterbesuchern zunächst aber für einen Teil der Show gehalten wurde, quasi gut verkleidet bis zur Wirklichkeit, schwächt nun das Argument, dass Theater nichts in den Problemzonen der Öffentlichkeit zu suchen hätte. Wenn das Zusammenspiel aus bitterer Realität und schönem Schein so herrlich funktioniert, dann sollen Castorf, Stein und Perceval bitte irgendein Gemetzel auf dem Residenzplatz inszenieren. Waffen müssen halt vorkommen oder noch zeitgemäßer: Sprengstoffgürtel.

Aufgerufen am 30.11.2021 um 11:41 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/wer-nur-spielt-ist-bestimmt-terrorist-38298508

Kommentare

Schlagzeilen