Zack. Wumm. Tor. - Das reicht aber nicht

Die Sprints bei der Tour de France sind enge Verwandte des belgischen Angriffskreisels.

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Blog Bernhard Flieher

Es sieht dann immer so aus, als rasten diese Typen einfach irre drauf los. Den Kopf haben sie weit unten. Schauen müssen sie nicht mehr, weil es ohnehin nur schnurgerade dahin geht auf den letzten Metern. Die Männer spüren, was sie tun - und auch was die anderen tun. Mit der Intensität ihrer Konzentration könnte man Kraftwerke betreiben. Die Körper sind zum Bersten gespannt. Das Brennen in den Muskeln verliert seine Bedeutung, weil alles so rasant geht, dass gar keine Zeit bleibt für den Schmerz. Es ist ein Rausch und im Rausch zählt nur der Rausch. Und dann ist es vorbei. Plötzlich. Ein paar Sekunden hat es nur gedauert.

Das sieht aber alles nur so aus. Keiner rast irre. Nichts passiert bloß im Moment. Der Moment nämlich wird trainiert und einstudiert und nur ein letztes bisschen Zufall mischt vielleicht noch mit. Es folgt alles einem Plan, über den im Moment seiner Ausführung nicht mehr nachgedacht werden muss. Und in der Wildheit, die sich uns offenbart, regiert der Instinkt. Und es scheint, als arbeite dieser Instinkt bei hoher Geschwindigkeit schneller als sonst. Sie ahnen es: Hier ist - bisher - gar nicht die Rede vom Fußball.

Es geht um die aufwühlenden Sprintankünfte der vergangenen Tage bei der Tour de France. Da ereignet sich Tag für Tag ein Spektakel, das man so nicht sehr oft geliefert bekommt. Das liegt daran, dass heuer so viele sehr gut sind im Sprint und dass deshalb heuer so viele immer knapp nicht gewinnen. Diese Menge an möglichen Etappensiegern macht den Ausgang der Sprintankünfte undurchschaubar. Ihren bloß sekundenkurzen Verlauf macht sie zu kleinen Epen. Es gab Jahre, da gab es drei, vier Favoriten. Da bauten sich die Züge der Mannschaften dieser Favoriten früh auf, kontrollierten die letzten Kilometer vor den letzten paar hunderte Metern, auf denen dann die Sprintasse losschossen. Diese verwegene Tempobolzerei passiert auch heuer. Nur mischen mehr Mannschaften mit. Es ist alles wilder, undurchschaubarer, dynamischer, beweglicher und daher von atemraubender Dramatik. Wie erholsam ist dagegen ein Fußballspiel. Oder ist es das nicht? Nein.

Wer sah, wie sich Belgien den dritten Platz der WM holte, dem konnte der einstudierte Blindflug der Radhelden einfallen - vielleicht liegt das im speziellen Fall dieser Kolumne auch daran, dass die Etappe der Tour de France erst in den frühen Minuten des Spiels Belgien gegen England beendet wurde. Der Niederländer Dylan Groenewegen hatte in Amiens am Samstag seinen zweiten Etappensieg auf dem Eurosportplayer recht genau in dem Moment errast, als daneben auf dem TV-Gerät die Belgier 1:0 gegen England in Führung gingen.

Der Massensprint in Amiens und die Wucht der belgischen Angriffe gegen über weiter Strecken uninspirierte Engländer machen es möglich, einen herrlich anzusehenden Plan zu erleben: Blindflug zum Erfolg, könnte man es nennen, wenn man denn Mitglied wäre in der Bruder- und Schwesternschaft der Ungläubigen und Oberflächlichen. Zack. Wumms. Tor. Das aber ist zu klein gedacht.

Der "Blindflug" hat aber durchaus seine Berechtigung. Er bezieht sich bloß nicht darauf, dass hier etwas durch Ahnungslosigkeit, eine Laune des Moments oder gar durch Glück passiert. "Blind" ist hier bloß ein anderes Wort für totales Vertrauen, tausendfaches Einstudieren. Blindes Verständnis, sagt man doch auch. Man muss nur hinschauen. Und die Sehenden, die genau hinschauen, können leicht erkennen, dass alles eben bloß so aussieht, als wäre es das Leichteste von der Welt. Wie etwa Kevin de Bruyne und Eden Hazard sich aus schier jeder Situation Bälle zuspielen, wie sie die Sturmspitzen mit Leichtigkeit in Position bringen - und das aus vollem Lauf, mitten in der Raserei auf die Ziellinie, also das englische Tor zu - hat das die Eleganz eines geglückten, eines so wilden, wie auch geordneten Sprintzuges beim Rennradfahren. In höchster Geschwindigkeit läuft hier ein System ab, an dessen scheinbarer Selbstverständlichkeit man sich nur staunend erfreuen kann. Wer solches erkennt, darf sich als glücklicher Mensch fühlen - auch wenn es "nur" in einem Spiel um den dritten Platz passiert. Hier nämlich und in vielen weiteren Spielzügen der Belgier, lässt sich die Schönheit des Spiels erkennen. Es ist eine Schönheit, die nicht immer mit dem Erfolg eines Tores belohnt wird, die aber stets eine Schönheit bleibt.

Aufgerufen am 26.08.2019 um 11:21 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/zack-wumm-tor-das-reicht-aber-nicht-32209294

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