Die Bäume von früher haben mehr ausgehalten

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Sollte ich den Bundeskanzler in dieser Woche richtig verstanden haben, will er uns das Leben einfacher machen. Kompliziert ist das Leben ohnehin und erschwert durch eine Regelflut, die vorauseilenden Gehorsam provoziert und ein unerträgliches Bravsein und diese Mode der totalen Korrektheit. Bloß nichts falsch machen und also zur Sicherheit gar nichts machen und nichts ausprobieren! Bloß nie schwarzfahren und nachts ins Freibad einsteigen. Jedes Fuzerl Müll trennen. Nie das Binnen-I vergessen und nie "behindert" sagen - schon gar nicht, wenn man's ist. Eine Armlose erzählte kürzlich, wie sie gemaßregelt wurde, weil sie von sich als "behindert" sprach und nicht als "Mensch mit Handikap". Da darf verzweifeln, wer nicht ganz behindert ist im Denken. Also Kanzler, ich mache gern mit bei der Ent-Regelung! Ich werde, bis sich eine echte Revolution ausgeht, wieder über jeden linierten Zettel quer drüberschreiben und täglich eine Sperrlinie missachten. Im Kern hat das der Kanzler freilich so nicht vorgeschlagen und um ihn für einen Revolutionsführer zu halten sitzen Krawatte und Maßanzug einfach zu perfekt. Aber es geht eh nicht so sehr um den Kern, sprich die Fakten, sondern darum, wie gefühlt wird. Ich zum Beispiel fühlte mich ertappt bei dem, was Georg Ringsgwandl in einem Interview sagte. ". . . und wenn ich die Wahl habe zwischen einem öffentlichen Klo und einem ordentlichen Baum, dann wähle ich den Baum." Das ist gefährlich. Erstens wegen der Ungleichheit: Männer sind da ungerecht im Vorteil. Zweitens: Längst haben auch Bäume eine Lobby. Der Kastanienbaum am Ende der Straße, in der ich aufwuchs, brauchte die nicht. Der hat sich prächtig entwickelt. Wahrscheinlich waren die Bäume früher nicht so sensibel.

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